Wien. "Durch Fehler und Irrtümer vervollkommnet sich der Mensch. Durch das Leid aber lernt er, dass alle Wege, die in Dunkelheit beginnen, zum Lichte führen müssen", wird Hippokrates zitiert. Die Präzisionsmedizin verspricht nun eine Abkürzung leidvoller Behandlungswege, punktgenau auf die erkrankte Person zugeschnitten, ohne Irrtümer, wenn sie auch oft in der Dunkelheit einer Krebsdiagnose beginnen mögen.

Die Krebsforschung ist ein wichtiges Wirkungsfeld der Präzisionsmedizin. - © StockAdobe/fotoliaxrender
Die Krebsforschung ist ein wichtiges Wirkungsfeld der Präzisionsmedizin. - © StockAdobe/fotoliaxrender

Ein verlockendes Versprechen für Patienten, aber auch jene, die Therapien bezahlen. Schließlich könnten mit präziseren Methoden teure Maßnahmen und Medikamente nur bei Personen eingesetzt werden, denen sie auch tatsächlich helfen. Ein Heilsversprechen, das Mediziner in der Praxis aber kritisch hinterfragen und auf realistischen, medizinisch sinnvollen Nutzen für Patienten zu reduzieren versuchen. Ein Heilsversprechen, von dem Patienten innerhalb eines Gesundheitssystems aber auch nicht aus Kostengründen ausgeschlossen sein sollen. Der Versuch einer Chancen-, Nutzen- und Kostenanalyse.

Was Präzisionsmedizin kann

Der Versuch deshalb, weil schon mit dem Begriff Präzisionsmedizin selbst Mediziner und andere Experten aus dem Gesundheitswesen Unterschiedliches meinen. Kaan Boztug, der sich am Ludwig Boltzmann Institut mit seltenen und undiagnostizierten Erkrankungen auseinandersetzt, schränkt die Präzisionsmedizin zum Beispiel auf den "Wunsch, genetische Ursachen von Erkrankungen besser zu verstehen und Therapie präzise auf diese genetische Ursache hin maßgeschneidert anwenden zu können" ein. Es gehe darum, zum Beispiel in der Krebstherapie die "molekulare Achillesferse des Tumors herauszufinden" und mit der Therapie "nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip genau an der passenden Stelle anzusetzen."

Präzisionsmedizin in der Praxis angewendet bedeutet, dass im ersten Schritt der genetische Code eines Patienten auf Veränderungen hin getestet wird. Die Methode heißt genetische Sequenzierung. Damit untersucht man die individuelle Abfolge der Bausteine im Erbgut des Menschen.

Im Falle einer Krebserkrankung versucht man dabei zum Beispiel herauszufinden, ob eine Veränderung im genetischen Code Ursache dafür ist, dass Rezeptoren an der Oberfläche der Zellen falsche Signale senden: Fehlerhafte Zellen können sich damit vor dem Immunsystem verstecken, oder es können umgekehrt zu viele Wachstumsfaktoren an den Rezeptoren andocken. Das Wachstum der Zelle wird über diesen Signalweg zwar eingeschaltet, kann aber nicht mehr abgeschaltet werden. Und die Zellen können sich unkontrolliert vermehren. "Das ist eine Definition von Krebs", sagt Boztug.