Wien. Es war nicht Punkt 12 Uhr, sondern ein Prozess ab 11 Uhr, mit dem der zweistündige Warnstreik der Bahnmitarbeiter am Montag begann. Nach und nach hielten Zug für Zug in den Bahnhöfen. Auf den Bahnsteigen des Wiener Hauptbahnhofs kommt es folglich weniger zum großen Gedränge als zum laufenden Eintrudeln neuer Fahrgäste und vorübergehend hier stillstehenden Züge.

Auf dem Infomonitor sind folglich erst nur wenige Züge mit Verspätung angeführt, dann doch laufend mehr zu sehen. Darunter hilft eine gute Handvoll Service-Mitarbeiter den Reisenden mit deutsch- und englischsprachigen Auskünften weiter. Sie beraten Fahrgästen, die losfahren wollten, und jene, die umsteigen wollten. Der Andrang hält sich aber in Grenzen. Viele haben im Zug auf die Weiterfahrt gewartet. Alle fünf Minuten ist Chris Lohners Stimme zu hören, die von Verspätungen und Zugausfällen spricht: "Grund dafür sind Warnstreiks der Gewerkschaft."

Zum Teil wird
entschädigt

Es gibt keine Trillerpfeifen, keine Transparente der Streikenden, keine Ansprachen der Gewerkschaft - das Zugpersonal blieb großteils beim Zug, "schon aus Sicherheitsgründen", wie ÖBB-Sprecher Robert Lechner sagt. Nach mit Vida-Jacke gekennzeichneten Bahngewerkschaftern muss man suchen. Sie verteilen A5-große Flugblätter, auf denen kaum mehr vermerkt ist als eine ÖBB-Kundenservice-Telefonnummer und dass man sich einen "fairen Lohnabschluss verdient" habe.

Es geht um 70 Fernverkehrszüge und rund 600 im Nahverkehr. Bei 1,1 bis 1,3 Millionen Fahrgästen an Werktagen könnten laut Lechner "geschätzte 100.000 Fahrgäste" betroffen gewesen sein. Die in der Schweiz beheimatete Cathy Breiner musste am Hauptbahnhof zum Beispiel bei ihrer Fahrt Richtung Ungarn in Wien eine ungewollte Pause einlegen: "Das ist aber nicht schlimm. Wir sind auf Urlaub." Streiks kann sie nachvollziehen, in der Schweiz gebe es zwar keine, in ihrem Herkunftsland Frankreich dagegen schon: "Da würde ein Streik wie dieser vermutlich eine Woche dauern." Und schon ist sie weg, Richtung Café zum Wartezeitüberbrücken.

Gelassenheit überwiegt während des kurzen Lokalaugenscheins am Hauptbahnhof. Auch sonst habe es Kritik eher "vereinzelt gegeben", sagt Lechner nach den beiden Streikstunden. Durch wiederholte Information in Medien, auf Bahn-Homepages, aber auch beim Verkauf und auf den Tickets kam der Warnstreik "nicht überraschend".

Fahrgäste mit ÖBB-Tickets, nicht aber Verkehrsbundtickets, können sich, für längere Verspätungen eine Entschädigung holen. Ab 60 Minuten sind es zum Beispiel 25 Prozent des Ticketpreises. Die Kosten für die ÖBB seien noch nicht absehbar.

Weiterhin keine
Einigung

Bei der Westbahn, wo acht Züge stillstanden, weitere verspätet und "mehrere tausend Fahrgäste" betroffen waren, heißt es: "Wir können keine Entschädigungszahlungen machen." Man habe im Vorfeld angekündigt, den Betrieb aufrechterhalten zu wollen. Zur Frage, ob Kosten an den Vertragspartner ÖBB weitergereicht werden, heißt es: "Die allgemeinen Geschäftsbedingungen der ÖBB Infrastruktur erlauben das nicht."

Nach 14 Uhr fuhren Zug um Zug wieder los, der normale Takt sollte in den Abendstunden wieder weitgehend hergestellt sein. Die nächste Stufe nach dem Warnstreik wäre der Streik. Bis Mittwoch, spätestens Donnerstag beraten sich beide Seiten in ihren Gremien - solange ist Verhandlungspause. Einen Termin für Runde elf gibt es noch nicht.

Am Vormittag vor dem Warnstreik hatten die Arbeitgeber ihr Angebot um eine Einmalzahlung von 375 Euro für Juli bis September, ein Lohn- und Gehaltsplus von drei Prozent ab Oktober und 3,15 Prozent ab Jänner 2019 erhöht. Das lehnte die Gewerkschaft ab: "Bedauerlicherweise", sagte Arbeitgebervertreter Thomas Scheiber. Das Angebot sei eine "Frechheit", dagegen Vida-Chef Roman Hebenstreit, es habe sich "unter’m Strich nicht verbessert".

Für ÖBB-Chef Andreas Matthä war jedenfalls schon der Warnstreik am Montag "ein untragbarer Zustand".