Wien. An jeder sechsten österreichischen Volksschule, Neuen Mittelschule (NMS) bzw. AHS-Unterstufe gibt es besonders viele Kinder mit großem Förderbedarf, denen ihre Eltern wegen geringer Bildung oder Deutschproblemen nur schwer beim Lernen helfen können. An Volksschulen fallen 14 Prozent in diese Kategorie, in Städten gar bis zu 82 Prozent, zeigt eine Analyse der Statistik Austria im Auftrag der AK.

"Es ist kein Klischee, wenn die Leute von guten und weniger guten Volksschulen sprechen, sondern eine Tatsache", bedauerte Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl kürzlich bei der Präsentation. Zwar gebe es an 81 Prozent der Volksschulen eine gute Durchmischung. Die Daten würden allerdings auch zeigen, dass es bereits bei den Jüngsten in fast allen größeren Städten Standorte mit überdurchschnittlich vielen Kindern mit großem Förderbedarf gibt: In Wels gibt es der Analyse zufolge an fast 82 Prozent der Volksschulen viele Kinder mit großem Förderbedarf. In Steyr und Wien sind es 60 Prozent, in Linz, Wiener Neustadt und Salzburg rund die Hälfte. Für Anderl sind diese Daten ein "Alarmzeichen".

Hohe Konzentration an förderbedürftigen Schülern

Betrachtet man die Schulformen für die Sechs- bis 14-Jährigen, gibt es an 17,5 Prozent der Standorte eine hohe Konzentration an förderbedürftigen Schülern. Während allerdings an den AHS-Unterstufen nur sieben Prozent in diese Kategorie fallen, sind es an den NMS rund 30 Prozent. Noch extremer ist die Lage in Wien: Hier fallen 87 Prozent der NMS in diese Kategorie, aber nur knapp 18 Prozent der AHS. Bei den Städten in anderen Bundesländern sähen die Zahlen ähnlich aus, betonte Wolfgang Schüchner, stellvertretender Leiter der Abteilung Bildungspolitik der AK Wien.

"Unsere Schulen müssen jedem Kind eine gerechte Lernchance geben", betonte Anderl. Derzeit seien sie allerdings darauf aufgebaut, dass nur jene Kinder Erfolg haben, deren Eltern sie unterstützen oder bei Bedarf Nachhilfe zukaufen können. Als Lösung schlug sie erneut die Einführung eines "Chancenindex" vor: Durch diesen sollen Schulen mit großen Herausforderungen mehr Budget erhalten und so die Schüler besser fördern können, damit deren Bildungskarrieren künftig weniger stark von der Herkunft abhängen.

Derzeit werden die Schulbudgets für Pflichtschulen (v.a. Volksschule, NMS) im Rahmen des Finanzausgleichs nach bestimmten Kennzahlen wie der Schülerzahl samt Zuschlägen etwa für Kleinschulen, die Senkung der Klassenschülerzahlen, Sprachförderung etc. vergeben. Das AK-Modell sieht vor, zusätzlich zur Basisfinanzierung für alle Standorte zielgerichtet mehr Mittel für belastete Standorte zur Verfügung zu stellen. "Das wäre ausgewogen, treffsicher und fair", so Anderl.

Index aus sieben Stufen

Der Index besteht aus sieben Stufen, berechnet wird er auf Basis der individuellen Voraussetzungen jedes Kindes (Bildungshintergrund der Eltern und - geringer gewichtet - Alltagssprache). Nur ein Hochschulabschluss der Eltern bringt keinen Zuschlag (Indexstufe 1), das beträfe allerdings kaum Schulen. Für alle anderen Standorte gäbe es mehr Geld. Für Schulen auf Indexstufe 7 soll der Zuschlag 100 Prozent betragen. Insgesamt 300 Mio. mehr würde das laut Anderl kosten.

Mehr Geld alleine bringe allerdings keine Verbesserungen, räumt Schüchner ein. Es brauche zusätzliche Initiativen wie Schulentwicklungsmaßnahmen und Teambuilding der Lehrer. Außerdem sollen die Standorte autonom entscheiden können, für welches Personal das Geld eingesetzt werden soll, von zusätzlichen Pädagogen über Schulpsychologen bis Sozialarbeitern.

"Sicher nicht zu besseren Ergebnisses führen" werde unterdessen die Wiedereinführung von Schulnoten ab Ende der zweiten Klasse Volksschule, so die AK-Präsidentin mit Blick auf das Pädagogik-Paket der Bundesregierung, das heute, Mittwoch, im Nationalrat beschlossen werden soll.