Wien. (ett) Teurer wird die Pflege künftig auf jeden Fall. Aber bleibt es bei der Pflege bei der bisherigen Aufteilung zwischen stationärer Versorgung in Heimen und mobilen Diensten zu Hause, so wird ein Anstieg der Nettokosten der öffentlichen Hand von rund zwei Milliarden Euro im Jahr 2016 auf 3,7 Milliarden im Jahr 2030 prognostiziert. Bis zum Jahr 2050 würden die Kosten nach dem Hauptszenario des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) sogar auf neun Milliarden Euro pro Jahr explodieren.

Was passiert, wenn entweder die Heimpflege ausgebaut wird oder alternativ die mobile Pflege? In einer Studie im Auftrag des Hilfswerks Österreich, das selbst größter Anbieter bei mobilen Pflegediensten ist, hat das Wifo vier Szenarien durchgerechnet. Ergebnis: Werden 20 Prozent der Pflegeversorgung in Heime verlagert, steigen die Kosten gegenüber dem Hauptszenario zusätzlich um knapp 1,2 Milliarden Euro. Beim Ausbau der mobilen Dienste um 20 Prozent würde die Ausgabensteigerung hingegen um 1,4 Milliarden Euro im Jahr niedriger ausfallen.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Ähnlich das Bild bei der Personalsituation. Nach dem Hauptszenario der Wifo-Studienautoren Matthias Firgo und Ulrike Famira-Mühlberger steigt der Personalbedarf von 45.314 Beschäftigten (Vollzeitäquivalente) auf knapp 63.000 bis 2030 und auf rund 103.000 bis 2050. Bei einer 20-prozentigen Verlagerung zur mobilen Pflege wäre bis 2050 der Bedarf an Pflegepersonal um 15.400 Mitarbeiter geringer.

"Forcierung mobiler Dienste
ist ein Muss bei Pflegereform"

Die Konsequenz für Expertin Famira-Mühlberger: Aufgrund der demografischen Entwicklung in Österreich sei zwar auch ein Ausbau der Heimpflege weiter notwendig, aber ein Ausbau der mobilen Pflege "wird den Kostenpfad dämpfen". Der Personalbedarf im Pflegebereich werde überhaupt "das Thema der Zukunft" sein - wahrscheinlich noch vor den Kosten für die Pflege.

Das Hilfswerk Österreich mit Präsident und EU-Mandatar Othmar Karas und Geschäftsführerin Elisabeth Anselm sah am Montag bei einer Pressekonferenz die Bundesregierung im Rahmen des von ihr bis Herbst 2019 angekündigten "Masterplans" für die Pflege am Zug. "Mobile Dienste müssen ein fixer Bestandteil einer Pflegereform sein, es ist für uns ein Muss. Nur eine Forcierung der mobilen Dienste kann den Kostenanstieg dämpfen und kann den Personalbedarf im erträglichen Rahmen halten", lautete die Schlussfolgerung von Karas. Damit werde auch die Linie der Bundesregierung, die Pflege daheim zu stärken, unterstützt.

Für das Hilfswerk ist ein Ausbau der mobilen Dienste vor allem auch zur verstärkten Unterstützung pflegender Angehöriger wichtig. 84 Prozent der 455.000 Pflegebezieher werden derzeit zu Hause betreut, davon 45 Prozent nur durch Angehörige, 32 Prozent mit Hilfe mobiler Dienste. Der Anteil der 24-Stunden-Betreuung daheim, bei der Personen rund um die Uhr betreut werden, liegt hingegen nur bei fünf Prozent. Karas sprach sich sogar dafür aus, dass ab einer bestimmten Pflegestufe pflegenden Angehörigen mobile Dienste begleitend angeboten werden müssten.

Bei der mobilen Pflege gibt es allerdings je nach Bundesland stark unterschiedliche Kosten für Betroffene und Angehörige. "Die Zersplitterung führt nicht zu mehr Gerechtigkeit", beklagte er: "Das ist nicht gerecht." Es seien deswegen einheitliche Grundstandards für die mobile Pflege notwendig.

"Lücke" zwischen Ende der Pflichtschule und Ausbildung

Noch ein weiteres Problem ist heuer aufgetaucht. Durch die Abschaffung des Pflegeregresses in Heimen, dem Zugriff auf Vermögen, ist die stationäre Pflege - entgegen der politischen Zielsetzung - in Relation zur mobilen Pflege - günstiger geworden. Für den Präsidenten des Hilfswerks ist das eine "Benachteiligung". "Diese Schieflage ist zu sanieren", forderte Karas.

Hilfswerk-Geschäftsführerin Anselm drängt vor allem auf Änderungen bei der Ausbildung zur Verbesserung der Personalsituation. "Sonst werden wir einen Pflegenotstand bekommen, nicht aus Kostengründen, sondern aus Personalgründen." Vor allem müsse die derzeit bestehende "Lücke" zwischen dem Pflichtschulabschluss mit 15 Jahren und dem Beginn der Pflegeausbildung ab 17 geschlossen werden. "Jeder, der verloren geht, ist für uns eine Niederlage", sagte sie.

Weiters müsse der Umstieg in den Pflegeberuf attraktiver und die Ausbildung im Gesundheits- und Pflegebereich durchlässiger werden. Bürokratie bei der Nostrifizierung von Ausbildungen im Ausland müssten beseitigt werden. Ausländische Fachkräfte sollten über die regionale Liste an Mangelberufen geholt werden.