Das ist bemerkenswert. Schließlich schaffte es die ÖVP in der Vergangenheit immer besser als die mittlerweile europaweit darniederliegenden Sozialdemokraten, personelle oder inhaltliche Streitigkeiten intern zu belassen - im Interesse des Machterhalts, und den Umfragewerten zuliebe. Es ist ohne Zweifel ein Prozess der Entfremdung: Hier ein nach wie vor populärer Kanzler, der "Veränderung" versprochen hat und dessen Politik vor allem die Interessen der Wirtschaft umsetzt, unter Inkaufnahme von Angriffen auf die politische Kultur, kritische Medien und die Zivilgesellschaft - dort die "alte" ÖVP, die immer lauter eine Abgrenzung nach rechts einfordert. Letztere sehen die einst stolz vor sich hergetragenen christlich-sozialen und konservativen Werte verwässert, angesichts einer global von der extremen Rechten vorangetriebenen Großwetterlage.

Zusammengehalten würde das alles einzig vom Wahlerfolg und den nach wie vor exzellenten Umfragewerten, sobald der Erfolg ausbleibe, würde das Phänomen Kurz rasch verschwinden, so die Annahme zahlreicher Regierungskritiker.

Was also bedeutet es heute, "konservativ" zu sein? Wer darf sich "christlich-sozial" nennen? Vieles spricht für einen Kampf um die Deutungshoheit der Begriffe. Und dieser spielt sich keineswegs nur innerhalb des ÖVP-Spektrums ab. "Ich will die konservative Revolution über 2021 hinaus fortsetzen", ließ der oberösterreichische FPÖ-Chef und stellvertretende Landeshauptmann Manfred Haimbuchner via "Kurier"-Interview im vergangenen Sommer wissen. "Konservative Revolution", das will Haimbuchner - er ist deutschnationaler Burschenschafter - gesellschaftspolitisch verstanden wissen. In der Wirtschaft aber soll es liberal zugehen.

Dass er dabei den Begriff "Konservative Revolution" verwendet, kann als eine für die FPÖ nur allzu typische, zweideutige Provokation verstanden werden. Bezeichnet der Begriff doch eine Sammlung von reaktionären, völkischen und teilweise nationalsozialistischen Strömungen der Weimarer Republik, die nach dem Zweiten Weltkrieg von der sich neu formierenden extremen Rechten, der "neuen Rechten", wiederentdeckt wurde. Sie alle einte und eint Antimarxismus, Antisemitismus und eine antipluralistische Demokratiefeindlichkeit. Haimbuchners Rhetorik aber ist mehr als nur Provokation. "Die FPÖ wird die neue Zentrumspartei à la CSU", verkündete er schon 2016 seine Ambition, die FPÖ zu einer Volkspartei zu formen, eine, die man wie die CSU eben als "konservativ" wahrnehmen sollte.

Auch die Randbereiche der Partei, allen voran extrem rechte Medien, rechtsintellektuelle Vordenker oder die mit der "neuen Rechten" eng verwobene Identitäre Bewegung, versuchen sich seit geraumer Zeit selbst das Label "konservativ" umzuhängen - nicht ohne Hintergedanken, geht es dem Milieu doch dezidiert um einen Schulterschluss ins bürgerliche Spektrum. Dass dieser immer häufiger gelingt, zeigen nicht nur die extrem rechten "Alternativmedien", die immer häufiger ehemals etablierte Autoren aus dem rechtskonservativen Bereich für sich gewinnen können.

Hier zeigt sich in einer medialen Politik jene "rohe Bürgerlichkeit", die der deutsche Soziologe Wilhelm Heitmeyer untersucht hat. In zahlreichen quantitativen Erhebungen wies Heitmeyer nach, dass minderheitenfeindliche, ja rassistische Positionen bereits schon vor mehr als zehn Jahren in der deutschen Bevölkerung anzutreffen waren. Vorangegangen war der "Verrohung" laut dem Soziologen ein langer Prozess der sozialen Desintegration aufgrund eines immer stärker werdenden ökonomischen Leistungsdrucks und der damit verbundenen radikalen Individualisierung. "Rohe Bürgerlichkeit", schreibt Heitmeyer, finde "ihren Ausdruck in einem Jargon der Verachtung gegenüber schwachen Gruppen und der rigorosen Verteidigung bzw. Einforderung eigener Etabliertenvorrechte". Sie artikuliere sich über eine Ideologie der Ungleichwertigkeit.