Wien. Es ist beinahe schon ein Ritual, das Politikjournalisten seit über einem Jahr begleitet. Sebastian Kurz, der jüngste Kanzler der Zweiten Republik und Schöpfer der zur türkisen Bewegung stilisierten ÖVP, und Heinz-Christian Strache, Chef der Freiheitlichen, die überall in Europa als extrem rechte Partei mit Argusaugen beobachtet wird, verkaufen die Früchte ihrer konstruktiven Zusammenarbeit, demonstrieren Harmonie. So geschehen auch bei der Ein-Jahres-Bilanz der Regierung vor Weihnachten.

Die Fragen der Journalisten aber drehen sich um Skandale und rechtsextreme Ausritte der Freiheitlichen. Allen voran deutsche Journalisten wollen von Sebastian Kurz wissen, wo er die Grenze zieht. Etwa wenn FPÖ-Männer wie der niederösterreichische Landesrat Gottfried Waldhäusl Asylwerber ohne Gerichtsurteil in Lager sperren. "Wie Sie sehen, haben wir hier unterschiedliche Auffassungen", sagt Kurz dann lapidar. "Die Grenze ist das Strafrecht", das ist Kurz’ Credo, wenn es um die extreme Rechte geht.

Der enorme Spielraum, den Kurz den Freiheitlichen einräumt, gibt Kurz auch die Chance, sich selbst immer wieder als den moderaten, pragmatischen, europafreundlichen Part darzustellen. Selbst wenn FPÖ-Politiker wie Johann Gudenus oder Christian Hafenecker die dezidiert christlich-soziale Caritas frontal angreifen, diese als "Asylindustrie" diffamieren und ihr "Profitgier" unterstellen, sind es nicht ÖVP-Politiker, sondern linke Kräfte, die zur Verteidigung ausrücken. Vom Kanzler gibt es zu den Attacken des Koalitionspartners nur donnerndes Schweigen. Im Gegenteil: Er glaube nicht, dass Caritas-Präsident Michael Landau zur türkisen Wählerschaft zähle, sagt Kurz. Es gebe niemanden, der ein Recht habe, zu definieren, was christlich-sozial sei. Sehr wohl christlich-sozial sei seine Reform der Mindestsicherung, inklusive aller Kürzungen für Geflüchtete.

Nicht immer aber schweigen die Vertreter der alten, "schwarzen" ÖVP. Ehemalige Parteigranden, die auch heute noch großen Einfluss ausüben, beziehen öffentlich Position gegen die Law-and-Order-Politik des Kanzlers und der FPÖ. Zuletzt stellte sich der mächtige niederösterreichische Ex-Landeshauptmann Erwin Pröll demonstrativ hinter die Initiative "Ausbildung statt Abschiebung" des oberösterreichischen Grünen Rudi Anschober. Die Liste der schwarzen Kritiker wird immer länger: Die ehemaligen ÖVP-Vizekanzler Wilhelm Molterer und Reinhold Mitterlehner sind darunter, der frühere Flüchtlingskoordinator und Raiffeisen-Manager Christian Konrad und sein Vertrauter Ferry Maier gelten längst als dezidierte Kurz-Kritiker. Der ehemalige EU-Kommissar Franz Fischler nimmt sich medial kein Blatt vor den Mund. Das Jahr 2019 werde zum Schlüsseljahr für die Koalition, sagt er.