Wien. Dass gefährliche Krankheiten wie Masern oder Kinderlähmung heute nur noch extrem selten in Österreich auftreten, sei den Schutzimpfungen zu verdanken, sagen die einen. Jede Impfung birgt das Risiko von Nebenwirkungen und Allergien, die mehr schaden als nutzen, kontern die anderen. Tatsache ist, dass sich Österreich gegenüber der Weltgesundheitsorganisation WHO zum Beispiel dazu verpflichtet hat, das Ziel der Masernelimination zu verfolgen. Um den dafür notwendigen Gemeinschaftsschutz zu erreichen, sind laut Sozialministerium Durchimpfungsraten von 95 Prozent mit zwei Dosen eines Lebend-Impfstoffes notwendig.

Um beim Beispiel Masern zu bleiben, sinke die Durchimpfungsrate allerdings. Allein jene der Zwei- bis Fünfjährigen liege für die erste Impfdosis bei 95 Prozent, so das Sozialministerium. Bei den 15- bis 30-Jährigen verfügen indes nur noch knapp 70 Prozent über einen kompletten Impfschutz. 2018 seien 66 Menschen an Masern erkrankt.

Zu wenig Tollwut-Impfstoff

Das ist vermutlich nicht allein der Impfskepsis, sondern auch einer gewissen Nachlässigkeit geschuldet. Volksanwalt Günther Kräuter hat in diesem Zusammenhang eine Impfpflicht gefordert, wie es sie in den USA gibt: Ein Besuch von Kindergärten oder Schulen ist ohne den Nachweis von Impfungen nicht möglich. In Österreich geht man derzeit jedoch einen anderen Weg: Der elektronische Impfpass, der in Wien, Niederösterreich und in der Steiermark in die Pilotphase starten und 2020 eingeführt werden soll, soll dazu beitragen, die Durchimpfungsrate zu erhöhen.

Dass diese generell zu niedrig sei, um einen Gemeinschaftsschutz zu gewährleisen, beklagen freilich auch die Impfstoffhersteller - es mangle aber bereits an verlässlichen Daten dazu, sagte Renée Gallo-Daniel, Präsidentin des Österreichischen Verbands der Impfstoffhersteller, am Mittwoch vor Journalisten.

"Es gibt keine Real-World-Daten anhand der Impfpässe, sondern die Daten basieren auf Simulationsmodellen", sagte sie. Zudem würden in Österreich nur die Raten bezüglich Masern und Kinderlähmung erhoben. Das sei richtig, heißt es dazu auf Nachfrage vom Sozialministerium, die Simulationsmodelle spiegelten jedoch die tatsächliche Situation bestmöglich wider. Gallo-Daniel forderte jedenfalls eine Status-quo-Erhebung aller Altersgruppen und mehr Impfungen betreffend. Denn aus mangelhafter Datengrundlage erwachse das nächste Problem: "Es gibt immer wieder Impfstoff-Engpässe."

Ohne sichere Informationen über Stand und Bedarf an Impfungen sei das Bestellmanagement für die Impfstoffe bei den international agierenden Herstellern schwierig, so Gallo-Daniel. Von den Herstellern gebe es insgesamt lediglich eine Handvoll, oft stelle nur ein einziger Hersteller einen bestimmten Impfstoff her, sagte Gallo-Daniel. Impfstoffe, die heute im Umlauf sind, seien 2017 produziert worden - für jene für 2021/2022 müsse man aktuell mit der Produktion beginnen.

Dem Institut für Reise- und Tropenmedizin zufolge gab es bis vor kurzem zu wenig Tollwut-Impfstoff. Einzelne Vierfach-Influenza-Impfstoffe sind aufgrund der akut hohen Nachfrage laut dem Verband der Pharmazeutischen Industrie bei den Herstellern bereits abverkauft. Zuletzt gab es 2017 einen massiven Engpass, der unter anderem Hepatitis A und das Vierfachpaket gegen Kinderlähmung, Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten betraf.

"Interessen befriedigen"

Ein weiteres Problem: Ist ein Impfstoff zum Beispiel in Österreich nicht mehr verfügbar, kann man nicht auf die Vorräte eines anderen EU-Landes zurückgreifen. Denn sowohl die Zulassung als auch Verpackung sowie Fach- und Gebrauchsinformationen seien von Land zu Land unterschiedlich, sagte Heike Galbraith vom europäischen Impfstoffherstellerverband "Vaccines Europe". Galbraith forderte eine Harmonisierung und einen digitalen, einheitlichen Impfpass für alle EU-Bürger. In der EU gebe es zwar eine "Joint Action of Vaccination"-Initiative (gemeinsame Impfaktion), Österreich sei dieser aber nicht beigetreten, sagte sie.

Initiativen, die Durchimpfungsrate zu steigern, werden allerdings nicht von jedem befürwortet. Impfgegner finden sich mitunter in den eigenen Reihen. Der praktische Arzt Friedrich Graf aus Deutschland ist einer von ihnen. "Dass aufgrund der Impfungen Krankheiten ausgerottet wurden, ist reines Wunschdenken", sagt er zur "Wiener Zeitung". Pro-Impfkampagnen dienten lediglich dazu, die Interessen zahlreicher Berufsgruppen wie Impfstoffhersteller zu befriedigen.