Wien. Überernährung sei ein Armutsproblem, sagte Josef Schmidhuber, stellvertretender Direktor der "Trade and Market Division of the Food and Agriculture Organization of the UN", am Montag zum Auftakt der Agrar-Fachtagung "Wintertagung 2019" des Ökosozialen Forums in Wien. Denn Zucker und fetthaltige Nahrungsmittel wie Schweinefleisch seien billig, während gesundes Essen meist teurer sei. Er riet dazu, Letzteres zu günstigeren Preisen anzubieten, um so einen Anreiz zu schaffen.

Mitte Jänner hat die EAT-Lancet-Kommission das Konzept "The planetary health diet" mit genauen Ernährungsrichtlinien zum Schutz der Gesundheit und des Planeten veröffentlicht, wonach pro Tag höchstens 35 Gramm rotes Fleisch (Schwein und Rind) und dafür mehr Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse gegessen werden sollten. Vor allem die Fleischproduktion ist energieintensiv, weil der Wasser-, Futter- und Anbauflächenverbrauch in der Produktion enorm sind. Auch das Österreichische Akademische Institut für Ernährungsmedizin schlug diesbezüglich in der Vorwoche vor, preisgesteuerte Maßnahmen zu setzen, um dieses Ziel zu erreichen. Denn im Moment konsumiert man hierzulande laut Statistik Austria mehr als dreimal so viel rotes Fleisch.

"In gewisser Menge ja auch gesund und wichtig"

Laut Umweltministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) ist das allerdings nicht der richtige Weg. "Fleisch und Zucker sind in einer gewissen Menge ja auch gesund und wichtig", sagte Köstinger am Rande der "Wintertagung 2019" zur "Wiener Zeitung". Es gehe nicht darum, bestimmte Lebensmittel höher zu besteuern, sondern darum, Bewusstseinsbildung zu betreiben, sich gesund und nachhaltig zu ernähren - und zwar bereits in Kindergärten und Schulen.

Für das Gesundheitsministerium scheinen indes preisgesteuerte Maßnahmen nicht ganz so abwegig. Das System der Lebensmittelversorgung könne sehr wohl durch die Zusammensetzung von Lebensmitteln und die Preisgestaltung Einfluss auf die Gesundheit der Konsumenten nehmen, heißt es auf Nachfrage. Eine ausgewogene und bedarfsgerechte Ernährungsweise zeichne sich durch eine abwechslungsreiche Speiseplangestaltung jedoch ohne Verbote aus.

Josef Siffert von der Landwirtschaftskammer Österreich ist skeptisch. Es sei immer der Konsument, der bestimme, was gegessen wird. Ist österreichisches Fleisch zu teurer, werde man billiges importieren.

Was die von der Regierung geplante, verpflichtende Herkunftskennzeichnung für verarbeitete Lebensmittel im Handel und in der Gemeinschaftsverpflegung betrifft, könnte diese laut Köstinger schon 2020 oder 2021 eingeführt werden. Es gehe dabei um Produkte mit Fleisch, Ei und Milch sowie um verarbeitete vegane und vegetarische Produkte. Für verarbeitete Lebensmittel in der Gastronomie, bei Direktvermarktern und Manufakturen werde eine freiwillige Herkunftsangabe anvisiert. Aktuell schaue man sich Frankreich und Italien an, wo die Herkunft der Hauptzutat bei manchen verarbeiteten Lebensmitteln bereits angegeben werden muss, so Köstinger.

Für unverarbeitete Lebensmittel wie Rindfleisch, die meisten Obst- und Gemüsesorten, Fisch, Krebs- und Weichtiere, Olivenöl und Eier gibt es bereits EU-weit eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung. In Österreich existieren zudem seit mehr als 20 Jahren freiwillige Qualitätssysteme wie das rot-weiß-rote AMA-Gütesiegel.

Wirtschaftskammer gegen Herkunftskennzeichnung

Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer warnte bezüglich verpflichtender Herkunftskennzeichnung für verarbeitete Lebensmittel bei der "Wintertagung 2019" vor bürokratischem Mehraufwand für die Betriebe. Auch die österreichische Nahrungsmittelindustrie ist dagegen. Sie befürchtet, dass sie gegenüber ausländischen Produzenten benachteiligt wird. Die Kennzeichnung bedeute zudem einen Mehraufwand und mehr Kontrollen, hieß es.