Wien. Greta Thunberg war die Inspiration: Der von der schwedischen Schülerin angestoßene Schulstreik für das Klima, "Fridays for Future", ist seit einigen Wochen auch in Österreich angekommen. In Wien treffen sich Schülerinnen und Schüler jeden Freitagvormittag am Heldenplatz und fordern die Politik auf, etwas gegen den Klimawandel zu tun. Eine von ihnen ist Lena Schilling. Sie ist 18 und Schülerin an der "KunstModeDesign Herbststraße" in Wien.

"Man kann die Folgen des Klimawandels höchstens noch eindämmen", sagt Lena Schilling, Schülerin in Wien. - © privat
"Man kann die Folgen des Klimawandels höchstens noch eindämmen", sagt Lena Schilling, Schülerin in Wien. - © privat

"Wiener Zeitung": Die Bewegung "Fridays for Future" adressiert direkt die Politik. Warum sind Sie dabei?

Lena Schilling: Der Hauptgrund ist wohl, dass wir sehen, so geht es nicht. Die Regierungen erfüllen nicht die Dinge, deren Umsetzung wir für wichtig halten. Das ist spätestens beim Klimagipfel in Polen deutlich geworden. Also ist es Zeit, selbst was zu tun. Aus der Initiative von Greta Thunberg ist so ein Schwung entstanden, der viele mitnimmt. Die Klimathematik betrifft uns alle - unabhängig von unserer Herkunft, unserer Religion oder was uns sonst ausmacht. Das ermöglicht es auch, dass die Proteste EU-weit stattfinden.

Welche politischen Erwartungen haben Sie dabei an Europa als eine Demokratie?

Wir wollen die Staaten dazu bringen, die Klimaziele auch wirklich einzuhalten bzw. sich höhere Klimaziele zu setzen. Wir erleben aber, dass die Politik dazu den Druck von außen braucht: Wenn etwa Klima-Experten bei dem Klimagipfel in Polen sagen, dass das Ziel sein muss, die Erderwärmung auf 1,5 Grad bis spätestens 2030 zu begrenzen, und die Politik dann einfach beschließt, dass zwei Grad auch reichen, ist das erschütternd. Warum befragt man Experten, wenn man nicht auf sie hören will?

Kann man der Politik nicht mehr vertrauen?

Zumindest können wir uns nicht einfach darauf verlassen, dass "von oben" etwas passiert. Falls ich einmal Kinder haben sollte, will ich nicht gefragt werden: "Warum habt ihr damals nichts gemacht, als man noch etwas hätte machen können?" Es ist schon allerhöchste Eisenbahn. Wir können den Klimawandel nicht mehr verhindern, sondern nur noch die Folgen eindämmen.

Warum ist bis jetzt nichts passiert?

Ich glaube, weil die Dringlichkeit nicht spürbar war. Jetzt ist der Klimawandel bereits für jeden und jede persönlich erfahrbar. Jetzt erst merken die Leute, dass es sie selbst betrifft. Der Klimawandel wird bald überall noch mehr zu spüren sein, und das zeigt uns die Dringlichkeit, mit der gehandelt werden muss.

Was sind Ihre konkreten Forderungen an die Politik?

Dass man die Klimaziele, die man festgelegt hat, auch einhält und keine Möglichkeiten schafft, sich mit Geld da rauszukaufen. Durch Strafen für Emissionshandel und Klimasünder wird unsere Zukunft nicht besser. Die verbaut man damit. Außerdem ist es wichtig, schärfere Ziele festzulegen, und ganz wichtig ist es, auf die Expertenmeinungen zu hören!

Was ist für Sie die schlimmste Folge des Klimawandels?

Ganz eindeutig, dass Lebensräume verschwinden und dass wir allein dafür verantwortlich sind. Wir zerstören unseren Lebensraum, wir lassen Tierarten aussterben, wir denken einfach nicht weiter. Es ist vollkommen absurd, dass wir als eine Spezies in unserem Konsumwahn einen ganzen Planeten verbrauchen.

Dennoch sagen einige, dass es sie nicht betrifft, weil sie zum Beispiel nicht an der Küste leben oder es den Klimawandel gar nicht gibt.

Es wird viele Klimaflüchtlinge geben, auch wenn manche Politiker behaupten, es gäbe keine Klimaflüchtlinge. Natürlich gibt es sie, und der Lebensraum wird enger. Wir sind doch alle Menschen, und wir sitzen alle im selben Boot.

Welche Rolle spielt es, dass es eine Schülerin war, die diese Klimabewegung ins Rollen gebracht hat?

Es ist wichtig, dass es eine Greta Thunberg gibt, die auch ein Symbol für diese Bewegung ist. Ganz viele junge Menschen nehmen sich ein Beispiel an ihr, weil sie Mut macht. Oft fühlen sich Menschen mit der Thematik allein. Es ist wichtig zu verstehen, dass man nicht allein ist.

Wie reagieren die Schulen auf die Initiative? "Fridays for Future" bedeutet ja, für das Klima zu streiken, also an dem Tag nicht zur Schule zu gehen.

Es ist nicht möglich, jeden Freitag zum Streik zu gehen, gerade wenn man mitten in der Matura steckt. Es wäre schön, wenn "Fridays for Future" eine Initiative wäre, an der sich Schulen, Lehrer und Schüler gleichermaßen beteiligen. Der Klimawandel betrifft uns alle und daher sollten wir auch gemeinsam handeln.

Werden Sie bei den Europawahlen zur Wahl gehen?

Ja, selbstverständlich. Ich fürchte, dass mit Wahlen allein nicht sehr viel verändert werden kann. Man muss die Mittel der Demokratie nutzen und darf sich nicht zurücklehnen. Im Gegenteil: Ich glaube, man muss Druck auf die EU-Parlamentarier und die Politiker ausüben, damit sie spüren, dass ein Großteil der Bevölkerung nicht zufrieden ist und dass die Demokratie da ganz klar spricht. Ich glaube, dass Wahlen als Druckmittel leider nicht ausreichen, um wirklich etwas zu verändern.