Die Feuilleton-Redakteure der "Frankfurter Allgemeinen" haben in den vergangenen Jahren ihre Seiten zum Marktplatz für Themen der Neurowissenschaften gemacht. Das war ein bemerkenswerter Versuch, den Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu fördern. Die Neurowissenschaftler beurteilen die Möglichkeiten, diesen Dialog zu führen, mittlerweile jedoch skeptisch. Das liegt nicht allein an dem Unbehagen, das sie bei der Lektüre der philosophischen Ausflüge ihrer Fachkollegen empfinden, sondern - häufiger - an den kritischen Beiträgen von Geisteswissenschaftlern, welche sich die Lektüre neuer neurowissenschaftlicher Arbeiten erspart haben.

Zu früh für Theorien

Patricia Churchland, Professorin für Philosophie an der Universität von Kalifornien in San Diego, hat nun angesichts der vielen Diskussionen um die Entstehung des Bewusstseins die Geduld verloren. Sie, die eine respektierte Diskussionspartnerin wichtiger Arbeitsgruppen auf den Gebieten der Neurophysiologe, der Computer- und Kognitionswissenschaften ist, hat ihrem Ärger plakativ Luft gemacht. In einem Aufsatz für die Zeitschrift "New Scientist" erinnert sie daran, dass man von einer Theorie des Bewusstseins noch sehr weit entfernt ist. Wenn ein Engel käme und einem Experten die fertige Theorie ins Ohr flüsterte, würde der wahrscheinlich nichts damit anfangen können. Er wäre nämlich mit Begriffen und Modellen konfrontiert, die er beim heutigen Stand der Diskussion noch gar nicht begreifen könnte.

Wer sich der Flut der zurzeit publizierten Bücher und Artikel ausgesetzt hat, wird wahrscheinlich einen ganz anderen Eindruck bekommen haben. Patricia Churchland stellt fest: "Fast jeder, der bei Bewusstsein ist, fühlt sich zur Zeit berufen, über Bewusstsein zu schreiben. Die meisten Autoren haben sogar so viel Vertrauen in ihre Ansichten gewonnen, dass sie ihre eigenen Beiträge kühn als eine Theorie des Bewusstseins vorstellen. Und da es jetzt davon immer mehr gibt, könnte man unschuldigerweise vermuten, dass etwas Neues entdeckt worden ist. Wahr ist jedoch das Gegenteil - man hat sehr wenig Neues ausfindig gemacht."

Churchland sieht in dieser seltsamen, hektischen Aktivität ein Analogon zur Situation am Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals erschien eine wahre Flut von Artikeln und Büchern über das "Wesen des Lebens", obwohl nur sehr wenige empirische Belege die Spekulationen in Sachen "elan vital" stützten oder spekulativen Wildwuchs einschränkten. Empirisch bewegte man sich sogar sehr viel später immer noch auf sehr unsicherem Terrain.

Churchland sieht darin eine gefährliche Versuchung: "Eine empirisch so weit offene Spielwiese motiviert die Autoren dazu, gegeneinander Schlammschlachten auszutragen, einander (wie im Reality-TV) von der Insel zu wählen und immer neue Blockschemata zu zeichnen, und deren Kästchen mit Pfeilen zu verbinden. Natürlich ist es ungleich leichter, sich auf eine introspektive Erkundigung ins eigene Innere zu begeben, als sich auf die peinlich sorgfältige Arbeit in den Neurowissenschaften einzulassen. Das Resultat von all dem ist, dass Legionen von Leuten, die sich als die kommenden Darwins des Bewusstseins sehen, auf Konferenzen die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken versuchen; während Philosophen, die der Anblick von Naturwissenschaftlern, die auf ihrem heiligen Gebiet herumtrotten, in Entsetzen versetzt, versuchen, die Eindringlinge mit extremen Drohungen abzuschrecken, in denen grimmig auf begriffliche Notwendigkeiten und logische Adäquatheitskriterien hingewiesen wird."

Eben diese Philosophen strapazieren Geduld und Nerven von Neurowissenschaftlern und neurowissenschaftlich informierten Diskussionsteilnehmern durch störrische Unbelehrbarkeit. Es gibt Denker, die sich, am Schreibtisch sitzend und ihren Intuitionen felsenfest vertrauend, davon überzeugt haben, dass Bewusstsein etwas "Jenseitiges" sei, und dass man nie herausfinden könne, wie es aus der Aktivität von Neuronen entstehe. Sie können sich das nicht vorstellen, und wollen auch keine Erklärung dafür haben. Colin McGinn, einer der prominentesten Vertreter dieser Richtung, vermutet, dass unser Hirn zum Verständnis seiner selbst so wenig ausreiche, wie das Hirn einer Maus dazu geeignet sei, die Quantentheorie zu verstehen. Alle Versuche in dieser Richtung würden daher notwendigerweise mit untauglichen Mitteln unternommen.

Nun beweist die Tatsache, dass sich jemand etwas nicht vorstellen kann, vor allem dessen Mangel an Vorstellungsvermögen. Daraus folgt nichts Interessantes. Es scheint aber - so Churchland - etwas Verführerisches darin zu liegen: "Trotzdem ist die Vorstellung allgegenwärtig, an dem Verdacht, hinter unserem Unvermögen sei etwas Tiefes, Metaphysisches oder sogar Radikales verborgen, könnte etwas dran sein. Vielleicht neigen wir dazu, in unserer Ignoranz auch etwas Positives zu sehen. Wenn wir, die wir doch so clever sind, keine Erklärung wissen, dann muss doch hinter der unerklärlichen Erscheinung eine Ehrfurcht erregende Komplexität stecken."

In Wahrheit ist die Problemsituation jedoch so ernüchternd wie trivial: Aus der Tatsache, dass man sich beim gegenwärtigen Stand des Wissens die Entstehung von Bewusstsein noch nicht erklären kann, folgt gar nichts über das Bewusstsein selbst.