Die Zelle von Marco misst acht Quadratmeter. Von18:00 Uhr abends bis 7:00 Uhr morgens ist er dort allein. - © Gregor Kuntscher
Die Zelle von Marco misst acht Quadratmeter. Von18:00 Uhr abends bis 7:00 Uhr morgens ist er dort allein. - © Gregor Kuntscher

Vier große Schritte kann Marco nach vorne machen, zwei zur Seite. Seine Zelle misst acht Quadratmeter. Bett, Schrank, Kloschüssel, Waschbecken, Dusche, grauer Linoleumboden. Durch das engmaschig vergitterte Fenster sieht er die Gefängnismauer. Eine graue Betonwand. "Freiheit" steht in bunten Lettern auf ihrem Sockel. Von 18:00 Uhr abends bis 7:00 Uhr morgens ist Marco in der Zelle allein. 13 Stunden. Tag für Tag. An der Wand klebt ein selbst gebastelter Kalender. Jeden abgesessenen Tag streicht er durch. 539 Tage liegen noch vor ihm. "Eineinhalb Jahre noch", murmelt Marco. "Aber dieses Mal habe ich es verdient hier zu sein. Ich habe wirklich Scheiße gebaut."

Was hat Marco hierhergebracht? Warum hockt er hinter Gittern, während sich seine Freunde draußen eine eigene Existenz aufbauen, arbeiten gehen, feiern, allmählich erwachsen werden?

Nicht bestrafen, sondern erziehen

Die Antwort der Justiz ist einfach und trocken: Marco hat sich rechtswidrig verhalten. Er hat sich nicht an das Regelwerk unserer Gesellschaft gehalten. Dafür zieht der Rechtsstaat Konsequenzen. Die Konsequenz ist im Strafgesetzbuch festgeschrieben und richtet sich nach Art und Schwere der Straftat. Die Schwere der Straftat wird vor Gericht in einen Zeitraum umgerechnet, der uns für angemessen erscheint, den Verurteilten einzusperren. Nicht, um Marco zu bestrafen, sondern um ihn zu erziehen und von weiteren Straftaten abzuhalten, wie es im Jugendgesetzbuch heißt. Darum ist Marco hier.

Marcos Antwort kommt jener der Justiz erstaunlich nahe. "Ich habe mich dämlich verhalten", sagt er. "Eine komplett sinnlose Dummheit hat mich hierhergebracht." Gemeinsam mit einem Freund ist er in Vereinshäuser, Firmen, sogar in ein Fußballstadion eingestiegen. Sie haben Elektrogeräte und Bargeld gestohlen. Es war nicht die erste Straftat in Marcos Leben. Mit seinen 20 Jahren hat er es auf ein beachtliches Vorstrafenregister gebracht. Betrug, Drogenhandel, Körperverletzung, Raub. "Wegen meiner vielen Vorstrafen habe ich eine hohe Haftstrafe ausgefasst", sagt er. Darum ist Marco hier.

Jeden Tag streicht Marco im Kalender durch. 539Tage liegen noch vor ihm. - © Gregor Kuntscher
Jeden Tag streicht Marco im Kalender durch. 539Tage liegen noch vor ihm. - © Gregor Kuntscher

Das ist der Grund für seine Inhaftierung. Auf eine Straftat folgt eine Verurteilung. Die übliche Mühle der Justiz, die aus Verdächtigen Insassen macht. Doch weder Gericht noch Marco selbst stellen die Frage, warum er zum Betrüger, zum Dealer, zum Gewalttäter, zum Räuber wurde. Die Frage nach der Ursache, warum er die Rechtsnormen unserer Gesellschaft bereits als Jugendlicher immer wieder verletzt, bleibt offen. Sie wäre für das erzieherische Ziel der Haft essenziell.

Erziehung genoss Marco bisher kaum. Seine Eltern vernachlässigen ihn. Mit sieben Jahren kommt er in das Sozialpädagogische Betreuungszentrum in Hinterbrühl in Niederösterreich. Mit 14 bezieht er seine erste eigene Wohnung. Er ist völlig auf sich allein gestellt, hat keine einzige erwachsene Bezugsperson. "Außer meine älteren Freunde", sagt Marco. "Ich war 14, sie waren 17, 18 Jahre alt." Er nimmt die Drogen, die sie ihm anbieten, beginnt mit ihnen zu dealen, wird schnell aggressiv, prügelt sich immer wieder. "Ich war ein Kind, ich habe es nicht einmal geschafft, regelmäßig Klopapier zu kaufen." Verstohlen blickt er durch die gelbe Hornbrille, die Adidas-Kappe tief ins Gesicht gezogen. Seinen Handrücken überzieht ein tätowiertes Ornament. Eine Chiffre vergangener Tage.

Mit der Vergangenheit habe er abgeschlossen, seine Freundschaften gekündigt. Die Zeichen stehen auf Neubeginn. "Ich will mit meinem alten Leben nichts mehr zu tun haben. Ich will mit meiner Freundin ein normales Leben führen", sagt er und zeigt auf ein Foto auf der Zellenwand. Eine junge Frau mit pink gefärbten Haaren lächelt in die Kamera. Nach der Haft will er zu ihr an den Neusiedlersee ziehen. Weg von Wien. Weg vom Schauplatz seiner kaputten Kindheit.