In einer Justizanstalt ist der Wachbeamte dem Häftling am nächsten. Michael Heiling trägt ein kariertes Hemd in verlaufenden Orangetönen, Sneakers, Jeans. Der stellvertretende Justizwachekommandant arbeitet seit 25 Jahren in der Justizanstalt. Die Beamten in Gerasdorf sind nicht uniformiert und unbewaffnet. Schusswaffen würden innerhalb der Gefängnismauern ein zu hohes Risiko darstellen. Außerdem wären sie unnötig. Auf Michael Heilings Gürtel baumelt lediglich ein Pfefferspray. Benutzt hat er auch den noch nie. "Ich glaube, ich war noch nie wirklich gefährdet", sagt er. "Natürlich könnten mich die Jungs jederzeit zusammenschlagen. Sie sind jung, stark und in der Überzahl. Aber warum sollten sie das tun?"

Zu Justizwachebeamten wie Michael Heiling bauen die Häftlinge oft die ersten Beziehungen auf. - © Gregor Kuntscher
Zu Justizwachebeamten wie Michael Heiling bauen die Häftlinge oft die ersten Beziehungen auf. - © Gregor Kuntscher

Heilings Waffen sind nicht Schlagstock, Pistole, Elektroschocker. Heilings Waffen sind Schmäh, Auftreten, Respekt. Er wirkt wie der Fußballtrainer einer Jugendmannschaft, reißt Witze, klopft Schultern, ermahnt. "Es geht darum, auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren", sagt Heiling. Er lässt dabei aber nie Zweifel aufkommen, wer schlussendlich das Sagen hat.

Beamte sind Freund und Feind zugleich

Wenn Heiling mit den Insassen spricht, nennt er sie beim Nachnamen und duzt sie gleichzeitig. "Ich bring dir eine Zeitung mit, Aigner", sagt er, oder: "Vacanajew, geh bitte in deine Zelle." Das vermittelt ein gewisses Maß an Vertrautheit, erzeugt aber auch die nötige Distanz, die es braucht, um als Respektsperson anerkannt zu werden. Denn für die Jugendlichen ist der Justizwachebeamte beides - Beistand und Bewacher, Gefährte und Gegner, Freund und Feind. Er ist Teil des Systems, das sie hier einsperrt und wichtige Bezugsperson gleichzeitig. Zu Beamten wie Heiling bauen die Jugendlichen oft die ersten, wenn auch fragilen Beziehungen auf. Er und seine Kollegen sind für sie ein Gradmesser: Entspricht das, was wir tun, dem, was die Gesellschaft draußen von uns verlangt?

"Der Heim-Spirit ist flöten gegangen"

Michael Heiling, Justizwachebeamter

Heiling spaziert über den Gefängnishof. Die grauen Trakte sind durch rissige Asphaltwege miteinander verbunden. Sie führen an einer kalten Lagerfeuerstelle vorbei. "Hier wurde schon jahrelang kein Feuer mehr gemacht", sagt Heiling. Die Zeiten hätten sich geändert. Es mangelt an Personal, an Zeit, aber auch an der pädagogischen Einstellung. Früher hätten die Beamten einen väterlichen Zugang zu den Jugendlichen gepflegt. "Sie waren daran interessiert, etwas mit den Burschen zu unternehmen." Doch der erzieherische Gedanke ist verloren gegangen. Wie es den Jugendlichen heute geht, ist vielen Beamten gleichgültig. Betreuung? Ist nicht wichtig. Einsperren lautet die Devise. "Der Heim-Spirit ist flöten gegangen", sagt Heiling resigniert. Außerdem sind die Justizwachebeamten im Schnitt 50 Jahre alt, das sei nicht mehr adäquat für den Jugendvollzug.

Das Gefängnis ist ein System der Unfreiheit. Darin sollen die Jugendlichen auf die Freiheit vorbereitet werden. - © Luiza Puiu
Das Gefängnis ist ein System der Unfreiheit. Darin sollen die Jugendlichen auf die Freiheit vorbereitet werden. - © Luiza Puiu

Heiling nimmt die Stufen zu Abteilung B. Vor einer geschlossenen Tür bleibt er stehen. Es surrt, der Kollege im Wachzimmer lässt ihn hinein. Rechts und links: Zwei Türen zu jeweils einem Flügel. Auf jedem befinden sich zehn Zellen. In jeder Zelle ein Jugendlicher. In einer Zelle sitzt Christian.