Christian hat seine Haftstrafe seit neun Monaten abgesessen. Trotzdem muss er im Gefängnis bleiben. Wann der 22-Jährige entlassen wird, weiß er nicht. "Ich kann vier Monate sitzen oder zehn Jahre oder mein ganzes Leben", sagt er. Denn Christian ist im Maßnahmenvollzug.

Zahlen ohne Bedeutung

Die sogenannte Maßnahme ist eine Haftform für "geistig abnorme Rechtsbrecher". Christian hat eine Tat begangen, die "auf einer geistigen oder seelischen Abartigkeit von höherem Grad beruht", wie es das Gesetz anachronistisch formuliert. Er gilt als gefährlich. Daher bleibt seine Haft auch nach Absitzen der Strafe aufrecht. Derzeit sitzen in Österreich 960 Häftlinge im Maßnahmenvollzug. Davon sind knapp 30 junge Erwachsene, also zwischen 18 und 21 Jahre alt, und rund ein Dutzend Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren. Die Maßnahme ist für Insassen extrem belastend.

Christian sitzt auf einem Holzsessel in seiner Zelle. Er trägt kurze Hosen und ein T-Shirt. Seine Haare sind kahl geschoren, die muskulösen Arme hat er verschränkt. Er wurde schon wegen einer ganzen Reihe von Delikten verurteilt. Schwere Körperverletzung, gefährliche Drohung, Widerstand gegen die Staatsgewalt, versuchte Nötigung. Nach seiner letzten Haft lernte er ein Mädchen kennen, sie verliebten sich, begannen eine Beziehung. Doch sie war von Gewalt geprägt. "Ich habe meine eigenen Regeln aufgestellt", sagt er. Mehr will er dazu nicht sagen. Ein Gutachter diagnostizierte psychopathisches Verhalten. Christian wird zu 28 Monaten verurteilt. 13 Monate bedingt, 15 Monate unbedingt, also in Haft. Zahlen, die für Christian keine Bedeutung mehr haben. Sie sagen nichts darüber aus, wie lange er hierbleiben muss.

Als Christian das erste Mal ins Gefängnis kommt, ist er 16 Jahre alt. Heute ist er 22.  - © Luiza Puiu
Als Christian das erste Mal ins Gefängnis kommt, ist er 16 Jahre alt. Heute ist er 22.  - © Luiza Puiu

Christian steht auf, geht zum Fenster, zündet sich eine Zigarette an. Als er das erste Mal ins Gefängnis kommt, ist er 16 Jahre alt. Heute ist er 22. Dazwischen liegen sechs Jahre, in denen er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt kommt, auf Polizeirevieren landet, vor Richtern sitzt, eingesperrt wird. Christian scheitert an sich selbst - und den Drogen. Er versucht, immer wieder Fuß zu fassen, beginnt eine Lehre als Karosserietechniker, bricht sie ab. Er probiert andere Berufe. Keine Lehrstelle passt zu ihm. Sie bleiben ungenutzte Chancen, Lücken im Lebenslauf. Schuld waren jedes Mal die Drogen, die er nahm. Der Rausch vertrug sich nicht mit der Arbeit. Ständig kam er zu spät, war antriebslos, zu bekifft. "Ich habe es mir einfach richtig verbaut", sagt er. Den Anschluss im Arbeitsleben verpasst er. Das Leben seiner Familie auch.

Seine jüngere Schwester ist heute Zwölf. "Mit neun Jahren habe ich das letzte Mal etwas mit ihr unternommen", sagt Christian. Seine Familie fehlt ihm, obwohl sie ihn regelmäßig besuchen kommt. Dann fragen sie ihn, wann er entlassen wird. Christian weiß es nicht. Er blickt nachdenklich durch die Gitter. "Ich will es meiner Familie zeigen, dass ich es schaffe. Aber natürlich will ich es mir selbst beweisen. Ich will einfach normal leben."

Die Haft wirkt sich auf die Psyche der Jugendlichen aus. Manche kooperieren, andere ziehen sich zurück und werden depressiv. - © Luiza Puiu
Die Haft wirkt sich auf die Psyche der Jugendlichen aus. Manche kooperieren, andere ziehen sich zurück und werden depressiv. - © Luiza Puiu

Dabei wird Christian therapeutisch unterstützt. Maßnahmenhäftlinge wie er sind die Sorgenkinder von Neuberger-Essenther. "Wir arbeiten daran, ihre Gefährlichkeit zu reduzieren", sagt sie. Viele der Insassen werden medikamentös behandelt, sie absolvieren Antigewalttraining. Auf jeder der vier Abteilungen in Gerasdorf arbeitet jeweils ein Sozialarbeiter, Pädagoge und Psychologe. "Die Therapie tut mir gut", sagt Christian. "In mir steckte vieles, was einfach rausmusste." Früher hat er seine Probleme in sich hineingefressen. Er hat Drogen genommen, sich in den Alkohol geflüchtet. Irgendwann war es zu viel. Sein Ventil war die Gewalt. Heute lässt er seinen Frust in Gesprächen raus. Er seufzt. "Ich habe es mir selbst nicht leicht gemacht." Über seine Haft spricht er reflektiert. Die Strafe findet er gerecht, die Maßnahme nicht. Nicht zu wissen, wann er raus darf, zermürbt ihn.

Doch Christian hat Hoffnung. Endlich ist ein Lehrabschluss in greifbarer Nähe. In den vergangenen Jahren hat er sich in Gerasdorf zum Maurer ausbilden lassen. Sein drittes Lehrjahr ist angebrochen, heuer hat er Abschlussprüfung. "Ich hoffe, das ist mein Ticket in die Freiheit."