Zermürbende Ungewissheit

Das Ticket in die Freiheit löst ein Gutachter. Christian erwartet ihn sehnlichst. Er will ihm zeigen, dass er sich gebessert hat. Er will ihm von seiner Ausbildung erzählen, von den Therapiegesprächen, von seiner Einsicht und Läuterung. Wann er kommt, weiß Christian nicht. Einmal im Jahr kann die Haftanstalt einen Gutachter bestellen, sie muss aber nicht. Die Jugendlichen werden darüber im Unklaren gelassen.

Das Wort des Gutachters hat Gewicht. Auf Grundlage seines Berichts entscheidet das Gericht, ob die Jugendlichen weiter gefährlich sind oder zurück in die Gesellschaft geschickt werden können. Eine schwerwiegende Entscheidung. Der Gutachter kann nur eine Prognose abgeben. Sein Gutachten ist keine Garantie. Ein Restrisiko bleibt. Verübt ein ehemaliger Maßnahmenhäftling ein Verbrechen, muss sich der Gutachter verantworten. Kaum ein Experte will sich dieser Verantwortung stellen.

Wie sehr das System der Gerichtsgutachter für Jugendliche Straftäter krankt, zeigen die nackten Zahlen. In ganz Österreich gibt es fünf. In sechs Bundesländern hat sich überhaupt kein Gutachter auf Kinder- und Jugendpsychiatrie spezialisiert. Das hat einen pragmatischen Grund: Es lohnt sich nicht. Ein Gutachten ist dem Staat exakt 195 Euro und 40 Cent wert. Dafür sollen Psychiater Biografien durchleuchten, nach Tatmotiven suchen, mit Eltern, Lehrern, Betreuern, dem Jugendamt sprechen, Beziehungen unter die Lupe nehmen – und schlussendlich über Leben entscheiden.

Österreichs Vorreiterrolle im Jugendstrafvollzug ist längst dahin. Die Schweiz gilt als Vorbild. Dort ist Haft die Ausnahme. - © Luiza Puiu
Österreichs Vorreiterrolle im Jugendstrafvollzug ist längst dahin. Die Schweiz gilt als Vorbild. Dort ist Haft die Ausnahme. - © Luiza Puiu

Gabriele Wörgötter stellt sich der Aufgabe trotz allem. Sie kennt die jugendliche Psyche wie sonst kaum jemand. Gerichte bestellen die Psychiaterin seit Jahrzehnten als Gutachterin für jugendliche Straftäter. Im Laufe ihres Berufslebens begegnete sie hunderten Jugendlichen, die im Heim groß wurden, von ihren Eltern missbraucht wurden, die Schule abbrachen, drogenabhängig waren. "Viele haben nie gelernt, was eine Beziehung ist. Sie haben Sozialisationsdefizite. Sie wissen nicht, wie man sich anpasst und Regeln befolgt", sagt Wörgötter. Die Ursache für eine kriminelle Handlung ist selten eine psychische Erkrankung. Sie wurzelt in einer Störung der Persönlichkeit.

Mangel an geeigneten Gutachtern

Zuletzt begutachtete Wörgötter einen Amokläufer in einer Schule in Korneuburg. Er schoss auf einen Mitschüler und verletzte ihn schwer. Der 18-Jährige wurde wegen Mordversuchs – nicht rechtskräftig – zu sechs Jahren Haft verurteilt. Als Maßnahmenhäftling ist er in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher untergebracht. Wörgötter stellte eine "schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung" fest. Der junge Mann leidet an einer "enormen emotionalen Verarmung und unter Einsamkeit", befand die Psychiaterin. Ob Haft ohne Aussicht auf Entlassung daran etwas ändern kann, erscheint auch für sie fraglich. "Zu oft findet die Therapie in Gefängnissen auch schlicht und einfach nicht statt", sagt Wörgötter. Es mangle an Ärzten, Therapeuten und Geld.

"Alles, was die Haft vermeidet, wäre gut."

Markus Drechsler, Obmann von SIM

"Jugendliche haben im Maßnahmenvollzug nichts verloren", sagt Markus Drechsler. Der Obmann des Vereins SIM (Selbst- und Interessensvertretung im Maßnahmenvollzug) weiß, wovon er spricht. Er war selbst jahrelang im Maßnahmenvollzug. Weil diese Menschen keine Lobby hatten, gründete er den Verein. Anstatt sie einzusperren, wären Jugendliche besser in einer betreuten Wohnform untergebracht, sagt Drechsler. "Alles, was die Haft vermeidet, wäre gut." An diesen Einrichtungen mangle es aber chronisch. Österreichweit gibt es etwa nur rund 14 Nachbetreuungseinrichtungen. Also sperrt man sie weiter ein – auch in Gerasdorf.