"Lange Haftstrafen bringen überhaupt nichts. Dazu gibt es unzählige Studien", sagt die pensionierte Jugendrichterin Beate Matschnig. - © Gregor Kuntscher
"Lange Haftstrafen bringen überhaupt nichts. Dazu gibt es unzählige Studien", sagt die pensionierte Jugendrichterin Beate Matschnig. - © Gregor Kuntscher

Die Verbrechen der Jugendlichen von Gerasdorf werden vom Boulevard verbraten. Sie füllen die Chronik-Seiten der Zeitungen und Online-Plattformen. Die sensationsgierige Leserschaft schätzt Berichte über Vergewaltigungen, Morde und Messerstechereien. Sie sind ein gutes Geschäft. Die Artikel werden tausendfach angeklickt, auf Facebook geteilt, kommentiert. Die Schlagzeilen malen das bedrohliche Bild einer verrohten, brutalen Jugend. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus?

Zahl der Verurteilungen geht stark zurück

Einen ersten Aufschluss gibt die Polizeiliche Kriminalstatistik. Sie zeigt das Gegenteil. Die Zahl der tatverdächtigen Jugendlichen bei Gewaltdelikten ist in den vergangenen zehn Jahren um ein Drittel zurückgegangen. Gab es vor 2008 noch 5424 jugendliche Tatverdächtige, so waren es 2017 noch 3654. Tatverdächtig heißt, dass die Polizei einen Anfangsverdacht für eine Straftat hat. Es liegt jedoch noch keine "Beschuldigung" vor. Der Tatverdacht ist der Anfang einer Kette von Ermittlungen, an deren Ende ein rechtskräftiges Gerichtsurteil stehen kann.

Auch die Zahl der tatsächlichen Verurteilungen fällt seit Jahrzehnten: 1970 wurden 7780 Jugendliche verurteilt, 1990 nur noch weniger als die Hälfte. Und 2017 wurden 2001 Jugendliche rechtskräftig verurteilt, davon fassten 1412 eine Freiheitsstrafe aus.

Weniger Tatverdächtige, weniger Urteile. Die Kriminalität sinkt also. Doch das ist nur ein Teil der Realität. Ein anderer ist die hohe Brutalität der Taten. "Die Delikte werden eher massiver", sagt die Psychiaterin Wörgötter. "Wenn einer am Boden liegt, wird er noch weiter attackiert." Messer würden immer häufiger zum Einsatz kommen. Ihre Beobachtung deckt sich mit den Daten aus den polizeilichen Erhebungen. Die Straftaten von jugendlichen Tatverdächtigen bis 17 Jahren mit Stichwaffen haben sich vervielfacht: Seit 2008 ist die Zahl von 99 auf 566 gestiegen. Die Hemmschwelle, zuzustechen, ist gesunken. "Die Frustrationstoleranz ist geringer geworden. Jugendliche fühlen sich aufgrund einer Beleidigung in die Enge getrieben und zücken das Messer", sagt Wörgötter. Konflikte werden nicht mehr mit Worten ausgetragen, sondern mit Gewalt.

Junge Männer sind grundsätzlich krimineller als Erwachsene. Zwischen 18 und 21 Jahren haben sie das größte Risiko, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. In diesem Alter ist die sogenannte "Kriminalitätsbelastungszahl" am höchsten. Sie sagt aus, wie viele ermittelte Tatverdächtige einer Altersgruppe auf 100.000 Einwohner entfallen.

Jugendliche sind mobiler, sie ecken gerne an, sie fordern das System heraus. "In der Regel passiert nichts, viele altern aus dem Gefahrenalter heraus", sagt der Soziologe Walter Hammerschick vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie. Wenn sie erwischt werden, wird es schwierig. Sie bekommen einen Stempel aufgedrückt: "Du bist kriminell".