Werden Jugendliche erwischt, rufen sie mitunter bei Rudolf Mayer an. Seine Kanzlei befindet sich in einer Altbauwohnung im neunten Wiener Gemeindebezirk. Die Wände sind mit Zeitungsausschnitten gespickt. Sie zeigen ihn und seine spektakulären Fälle. Er ist einer der prominentesten Strafverteidiger des Landes. Er vertrat die "Eislady" Estibaliz Carranza und Josef Fritzl. Das ist seine bekannte Seite. Weniger bekannt ist Mayers Engagement für Jugendliche. Seit mehr als 30 Jahren vertritt er sie vor Gericht.

Fragt man ihn nach den Gründen, warum 16-Jährige zu Räubern, Dieben und Einbrechern werden, doziert er über Sigmund Freud und die Neurowissenschaften. Er spricht über Spiegelneuronen, die für das Mitgefühl verantwortlich seien. "Wer die nicht aufgebaut hat, ist Game Over. Der spürt eben nicht, was ein anderer empfindet." Die Jugendlichen, mit denen er zu tun hat, lungern im Park herum. Sie haben keine Ausbildung gemacht, keinen Job gefunden. "Es sind die nicht gewollten, die gehassten, aber auch die verwöhnten, denen keine Grenzen gesetzt worden sind", sagt Mayer.

Taten werden brutaler

Das Phänomen krimineller Jugendliche beobachtet Mayer seit Jahrzehnten. Die Integration ausländischer Jugendlicher sieht er über weite Strecken als gescheitert. Er erzählt von der Macho-Kultur von jungen Afghanen, Tschetschenen und Türken. "Sie müssen zeigen: Ich bin ein Mann, der seinen Willen durchsetzt, wenn nötig auch mit Gewalt." Auch Mayer sagt, dass Jugendliche immer brutaler werden. "Früher ging es darum, wie fest man jemand beim Raufen in den Schwitzkasten genommen hat. Heute geht es darum, ob man die alte Oma, die am Boden liegt, zehn oder 15 Mal auf den Kopf getreten hat." Darum sei Haft bei manchen Jugendlichen das letzte Mittel. "Einen Räuber und Vergewaltiger kann ich nur verwahren, da bleibt mir nichts anderes über." Haft als Schutz der Gesellschaft vor Kriminellen funktioniert. Ob sie das Übel an der Wurzel packt und das Verhalten der Jugendlichen ändert, ist eine andere Frage. "Bei denen, bei denen das Mitgefühl schon gänzlich fehlt, erreichst du mit Haft gar nichts, außer, dass sie noch roher werden."

Ein 19-Jähriger, der ein junges Mädchen mit dem Messer erstochen hat. Eine Gruppe von 16 bis 18-Jährigen, die einen jungen Burschen brutal verprügelten und mit einem Korkenzieher auf ihn einstechen. Ein 18-Jähriger, der mit Schreckschusspistole einen schweren Raub versucht. Das sind die Chronik-Meldungen der vergangenen Wochen.

Was soll man mit diesen Jugendlichen machen? Sperrt man sie ein, verschärft man die Strafen oder bietet man Alternativen zur Haft? Auf diese schwierigen Fragen findet die türkis-blaue Regierung derzeit eine allzu einfache Antwort: härtere Strafen.

Bisher gelten für Jugendliche niedrigere Strafen als für Erwachsene. Ihr Strafrahmen ist um die Hälfte herabgesetzt. Begehen sie einen Raub, drohen ihnen maximal fünf - statt zehn - Jahre Haft. Auch für junge Erwachsene gelten mildere Strafrahmen. Sie dürfen maximal 15 Jahre eingesperrt werden. Damit soll nun Schluss sein. Die Regierung prüft, ob die Strafen für junge Erwachsene an jene der Erwachsenen angeglichen werden können. Genauere Angaben konnte das Justizministerium auf Anfrage der "Wiener Zeitung" dazu nicht machen. Das Jugendgerichtsgesetz befände sich noch in der Evaluierung.

Die Pläne der Regierung stoßen bei vielen Experten auf reflexartigen Widerstand. Sie orten reinen Populismus. Harte Strafen für Vergewaltiger, Messerstecher, Mörder kommen an. Der Wähler will, dass der Staat durchgreift. Er will beschützt werden. Er will sich in Sicherheit wiegen. Lange Strafen bringen nichts, halten Kritiker dagegen. Sie schrecken nicht ab. Sie garantieren kein deliktfreies Leben nach der Haft. Ganz im Gegenteil.