Biographien von Gewalt geprägt

"Kein einziger Insasse von Gerasdorf hatte eine geborgene Kindheit", sagt Margitta Neuberger-Essenther. "Marcos Geschichte ist exemplarisch für nahezu jeden Jugendlichen hier." Die Leiterin der Justizanstalt sitzt in einem Ledersessel in ihrem großzügigen Büro und nippt an einer Tasse Kaffee. Neuberger-Essenther könnte auch die Direktorin eines humanistischen Gymnasiums sein: schwarze Hornbrille, schlichte Halskette, gelbgrüne Bluse, die Haare zu einem Knoten gebunden. Im Regal stehen Bücher, die Titel wie "Der fehlentwickelte Jugendliche", "Leben mit Kindern" oder "Aggressionen" tragen. Die studierte Psychologin arbeitet seit 37 Jahren mit straffälligen Jugendlichen, erst am Jugendgerichtshof, seit 16 Jahren in Gerasdorf.

"Die Geschichten der Häftlinge sind durch die Bank desaströs", sagt sie. Kaum einer, der nicht seelisch und körperlich misshandelt wurde. Gewalt zieht sich durch die Lebensläufe. Prügelnde Väter, heroinabhängige Mütter, Verwahrlosung, Liebesentzug. Babys, denen schon in der Wiege die Arme gebrochen wurden. "Was erwarten sie sich von diesen Kindern? Ihnen wurde nichts anderes vorgelebt. Sie wissen nicht, was eine tragfähige Beziehung ist", sagt Neuberger-Essenther. "Sie sind sich selbst nichts wert, keiner von ihnen hat ein gefestigtes Selbstwertgefühl. Das wurde ihnen ausgetrieben."

Margitta Neuberger-Essenther leitet das Jugendgefängnis Gerasdorf seit 16 Jahren. - © Luiza Puiu
Margitta Neuberger-Essenther leitet das Jugendgefängnis Gerasdorf seit 16 Jahren. - © Luiza Puiu

Die hohe Gewaltbereitschaft, die Aggressivität, die Empathielosigkeit vieler Insassen kommen nicht von irgendwo, sie waren notwendig, um die Kindheit zu überstehen. Sozial- und Schulsystem haben bei den Jugendlichen von Gerasdorf versagt. "Die Kids, die hier sind, haben alle irgendein Defizit, dass nicht rechtzeitig von den Erwachsenen, von der Schule, von der Gesellschaft erkannt wurde. Niemand hat entgegengesteuert," sagt sie. "Und jetzt sperren wir sie ein und wollen nichts mehr von ihnen hören. Der Freiheitsentzug ist für Jugendliche das Schlimmste, was ihnen passieren kann."

Im Gefängnis herrscht Schul- und Arbeitspflicht

Einer der Gründe, warum wir Jugendliche einsperren, ist, sie zu resozialisieren. Sie sollen im Gefängnis wieder zu einem wertvollen Teil der Gesellschaft werden. Aber kann das funktionieren, indem wir sie von der Gesellschaft ausschließen? Kann die totalitäre Institution Gefängnis Menschen sozialer machen? "Bedingt", sagt Neuberger-Essenther. "Mit unseren bescheidenen Möglichkeiten versuchen wir ihre Entwicklung ein Stück weit positiv zu beeinflussen. Wir wollen ihnen das geben, was sie in Freiheit nie hatten - Selbstwertgefühl, Beziehung, Perspektive."

Der Schlüssel zum Erfolg ist Bildung. Die Jugendlichen von Gerasdorf sollen sich mit sich selbst und ihrer Umwelt auseinandersetzen und so kompetentes und verantwortungsvolles Handeln erlernen. Deshalb führt sie der Weg zurück in die Gesellschaft unweigerlich durch die Institution Schule. Jeder von ihnen muss sich weiterbilden. Keiner darf faulenzen. Im Gefängnis holen sie ihren Pflichtschulabschluss nach, lernen in einer von 15 Lehrwerkstätten, wie man Brot bäckt, Wände anstreicht, Autos repariert, Möbel baut, Haare schneidet.

Rund 150 Jugendliche sitzen in Österreichs Gefängnissen. - © Luiza Puiu
Rund 150 Jugendliche sitzen in Österreichs Gefängnissen. - © Luiza Puiu

Branislav grinst über das ganze Gesicht. Er hat die vierte Klasse Hauptschule erfolgreich abgeschlossen. Monatelang hat er gelernt, hat Flächen berechnet, Aufsätze geschrieben, Vokabel gestrebert. Noch vor einem Jahr wurde Branislav abgeschrieben - von seinen Eltern, den Verwandten, den Lehrern. Der Schulabschluss war undenkbar. Heute sitzt der 17-Jährige im Friseursalon des Gefängnisses und beginnt eine Lehre. Stolz frisiert er eine Perücke. Schon in wenigen Wochen wird er die Haare seiner Mithäftlinge schneiden. "Ich freue mich, wenn ich zur Zeugnisverteilung in diese strahlenden Bubengesichter schaue", sagt Neuberger-Essenther. "Plötzlich haben sie eine Perspektive – oft zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie merken langsam, dass sie etwas wert sind. Sie beginnen sich zu öffnen, knüpfen echte Beziehungen."