Wien. Wer hätte gedacht, dass Schwänzen mehr sein kann, als bloß der Schule fernzubleiben? Die Schwedin Greta Thunberg zunächst wohl kaum. Im Alter von acht Jahren erzählte ihr Lehrer von der Erderwärmung und ihren Konsequenzen. Thunberg begann sich über den Klimawandel zu informieren. Dann waren da die Schülerstreiks gegen die Amokläufe in den USA und eine Idee: Was passiert, wenn die Kinder schwänzen würden, bis die schwedische Regierung das Pariser Klimaabkommen erfüllt?

Anfangs, im August vergangenen Jahres, stand Thunberg alleine vor dem schwedischen Reichstag, niemand wollte mit ihr gemeinsam im Zuge der Hitzewelle streiken. Selbst ihre Eltern ließen sie im Stich. Heute ist Thunberg die Galionsfigur der weltweiten Klimabewegung und eine Jugendikone. "Ich will, dass ihr in Panik geratet", sagte die 16-Jährige im Jänner beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

Der politische Werdegang Thunbergs macht eines deutlich: Dranbleiben lohnt sich.

Denn ähnlich zäh lief die Sache in Österreich an. Seit Ende Dezember demonstriert die Jugend inspiriert von Greta Thunberg in Wien in kleiner Zahl für ein besseres Klima. Mitbekommen hat das kaum jemand. Am Freitag drehte sich der Wind auch in Österreich. Weltweit fanden am Freitag 1200 Kundgebungen in mehr als 120 Staaten statt, hundertausende Jugendliche veranstalteten den bisher größten Schülerstreik unter dem Motto "Fridays for Future".

Versperrte Schultore in Wien

Stellenweise fallen ein paar Tropfen vom Himmel, ab und zu blinzelt die Sonne durch die graue Wolkendecke. In Wien ist es fünf vor zwölf. Mindestens 10.000 Schüler ziehen durch die Innenstadt zur Großkundgebung am Heldenplatz. Auf ihren Rücken baumeln bunte Schultaschen, als wäre Mathematik am Freitag in der vierten Stunde eine Option gewesen - mitnichten. Die Jugend ist hier, um für eine bessere Umwelt zu kämpfen. Ihr Vorbild ist die für viele Demoteilnehmer gleichaltrige Greta Thunberg. Auf Schildern der Schüler misch sich Endzeitstimmung mit Hoffnung und Selbstbewusstsein. "Euch gehen die Ausreden aus und uns die Zeit", heißt es. Auf einem anderen Schild steht "We rise like the ocean". Tausende Schüler skandieren "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut."

Unter die Kinder und Jugendlichen mischten sich neben Politikern als kleine Begleiterscheinung Punks und Studenten, die unter der kühlen Märzsonne in Kreisen auf der Wiese sitzen, Bier trinken, rauchen und kiffen. Ein Hauch von Festivalflair. Aber nicht für alle ist es ein Leichtes, überhaupt an der Demonstration teilzunehmen. In einem Wiener Gymnasium durften die Kinder das Schulgebäude nur verlassen, wenn sie eine schriftliche Bestätigung der Eltern mitbrachten, wer die Aufsicht für die Kinder übernimmt. Pro Person durften vier Kinder zur Demonstration mitgehen. Das sei von der Direktorin akribisch kontrolliert worden, erzählt eine Mutter, die sich als Elternvertreterin bereit erklärt hatte, Elf- und Zwölfjährige beim Streiken zu begleiten.