Das Chalet Suisse im Palais idéal. - © Hirschmann
Das Chalet Suisse im Palais idéal. - © Hirschmann

Quer durch das kollektive Gedächtnis der Menschheit pickt er sich Besonderheiten heraus, um sie in seinem Bauwerk zu verewigen. Ein wahrer Wildwuchs an Kuriositäten. Nicht nur in nachbarschaftlichen, auch in architektonischen Kreisen fand man daher hauptsächlich spottende Worte für dieses skurrile Monstrum, das keinen Regeln folgte und sich nirgends einordnen lassen wollte.

Doch den Palais idéal lediglich als Kuriositätenkabinett abzutun, hieße, ihm nicht gerecht zu werden. Denn es ist nicht nur beeindruckend zu sehen, "wozu ein einzelner Mann imstande ist", es ist auch Symbol von Entschlossenheit, Konsequenz und Verwirklichungsdrang. Der menschliche Schaffensprozess in Reinform.

Realisierte Utopie

Der Palais idéal repräsentiert die Verwirklichung einer Wunschwelt, wenn auch als Wildwuchs. Er ist die Umsetzung einer räumlichen Utopie, die wohl schon vorher in dem Postboten geschlummert haben mag, denn nicht bei jedem löst der Fund eines schönen Steins eine Reaktion von solcher Dimension aus. Manch einer spricht in diesem Zusammenhang von Manie. Seine ständige Unruhe, die Rastlosigkeit und eine extreme innere Getriebenheit: all das sind Eigenschaften, die man dem Facteur Cheval zuschreiben kann - und die ebenfalls Kennzeichen einer Manie darstellen.

Was den Postboten antrieb, war einzig die Vorstellung, ein derartiges Vorhaben alleine realisieren zu können, wie man an den zahlreichen Inschriften ablesen kann. In ihnen kommt auch ein gewisser Stolz zum Ausdruck: "Le travail fut ma seule gloire / L’honneur mon seul bonheur" ("Die Arbeit war meine einzige Ehre / Die Ehre mein einziges Glück") steht da zu lesen, oder "En créant ce rocher, J’ai voulu prouver ce que peut la volonté." ("Mit dem Bau dieses Felsens wollte ich beweisen, was der Wille vermag.") Doch die Linie zwischen Stolz und Narzissmus scheint dort überschritten, wo von Genie die Rede ist, von Bewunderung und Demut vor dem Selbstgeschaffenen. Augenscheinlich ist der Landpostbote überzeugt von der Genialität seiner Arbeit. Davon zeugen auch die zahlreichen narzisstisch angehauchten Inschriften: "Ceci est le travail d’un seul homme" ("Dies ist die Arbeit eines einzigen Mannes") oder "Cette merveille dont l’auteur peut être fier / sera unique dans l’univers" ("Dieses Meisterwerk, auf das sein Erschaffer stolz sein kann / wird im Universum einzigartig sein"). Und auch die Tatsache, dass er die Scheibtruhe, seinen "einzigen Gefährten", in einer Nische ausgestellt und mit einer Inschrift versehen hat, verstärkt den musealen Charakter, den er selbst dem Bauwerk bereits eingehaucht hat, und bereitet es für die Nachwelt vor.

Auch der Psychoanalytiker Paul-Laurent Assoun sieht diesem ausgeprägten Gestaltungsdrang eine Manie zugrunde liegen und verweist auf die narzisstische Grundeinstellung, die eine Manie mit sich bringt: Es brauche eine gute Portion Narzissmus, damit erst einmal das Bedürfnis entstehe, sich ein Objekt "anzueignen". Diese Aneignung geschieht im manischen Akt, nämlich bei der Rückführung des Objekts in das Ich. In diesem psychoanalytischen Sinne geht es dabei gewissermaßen um den Sieg des Ich über das Objekt.