Wien. Insgesamt 36 Personen an 32 Standorten waren von den großangelegten Hausdurchsuchungen am frühen Dienstagmorgen betroffen. Beschuldigt sind Personen aus dem Neonazi-Milieu im Alter von 24 bis 50, unter ihnen sind auch sechs Frauen. Ermittelt wird wegen des Verdachts auf NS-Wiederbetätigung. Bei den Razzien wurde gefunden, was man bei klassischen Neonazis auch vermuten würde: Fahnen und Material mit einschlägigen Parolen und von einschlägigen Organisationen wie der rechtsextremen Terrororganisation "Blood & Honour", Musik-CDs von teils verbotenen Bands, NS-Devotionalien, aber auch Waffen wie Granaten, Dolche und Schwerter. In einigen Fällen wurde gegen ein bereits verhängtes Waffenverbot verstoßen. Ob die Schusswaffen überhaupt einsatzfähig sind, müssen nun Sachverständige prüfen - Faustfeuerwaffen moderner Bauart wurden keine gefunden.

Den Erfolg der Aktion verkündeten die beiden Generalsekretäre von Justiz- und Innenministerium, Christian Pilnacek und Peter Goldgruber, am Mittwochnachmittag öffentlichkeitswirksam auf einer gemeinsamen Pressekonferenz im Justizministerium. Die beiden betonten die hervorragende Zusammenarbeit der Ressorts im Kampf gegen die Neonazis-Szene und die effektive Vorbereitung durch den Verfassungsschutz (BVT) - während internationale Medien über die Isolation Österreichs bei westeuropäischen Partnerdiensten und die Affäre rund um die rechtsextremen Identitären und die FPÖ berichteten. Festnahmen unter den 36 Beschuldigten gab es bei den Hausdurchsuchungen keine - für viele Beobachter war die Razzia vom Dienstagmorgen vor allem ein gelungener symbolischer Akt der Behörden.

Das Milieu, in dem die Durchsuchungen stattfanden, ist jenes des klassischen Neonazismus - eine Szene, die Aufgrund der starken Konjunktur, die der modernisierte Rechtsextremismus aktuell global erlebt, aus dem Fokus geraten ist. Wie haben sich Neonazismus und Rechtsextremismus in den vergangen Jahrzehnten verändert?

Der organisierte österreichische Neonazismus steuert Mitte der 1980er-Jahre auf seinen Höhepunkt zu: Gottfried Küssel gründet 1986 die Vapo, die "Volkstreue außerparlamentarische Opposition". In Waldstücken, zum Beispiel bei Langenlois in Niederösterreich, hält er Wehrsportübungen ab, an denen einmal auch der heutige Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache teilnimmt. Mit dabei sind bekannte Neonazis wie Andreas Thierry und die rechtsextreme "Kameradschaft Langenlois". Die Organisation der Vapo orientiert sich an einem System, das später vor allem durch die Neonazi-Szene in Ostdeutschland medial bekannt wird: lose Zusammenschlüsse ohne Führungspersönlichkeiten, ohne rechtlich angreifbare Strukturen, eben "freie Kameradschaften".

Repressionsdruck in der Neunzigern

Der in den Neunzigern einsetzende Repressionsdruck der Behörden auf die Wehrsportszene und nicht zuletzt die Reform des Verbotsgesetzes führten nicht nur zur Zerschlagung der Vapo, sondern sorgten auch dafür, dass im gesamten rechtsextremen Bereich wie auch speziell im Neonazismus ein Modernisierungsprozess einsetze. "Es ist sicher kein Zufall, dass schon damals erste sogenannte neurechte Ansätze auftauchen", erklärt Bernhard Weidinger vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW). Weidinger hat sich in seiner umfangreichen Dissertation mit den völkisch-deutschnationalen Verbindungen beschäftigt, die in der Vergangenheit immer wieder als Andockstellen für den Neonazismus fungierten. Damals erschien beispielsweise eine Jugendausgabe der "Aula" mit dem Titel "Identität", dort seien teilweise genau jene Theorieversatzstücke und Autoren rezipiert worden, die nun in der sogenannten neuen Rechten, vor allem den Identitären, maßgeblich Ideologie, Ziele und Handlungsstrategien beeinflussen. "Damals konnte das aber noch nicht so recht fußfassen", sagt Weidinger. Auch, weil die österreichische extreme Rechte und ihr Rückgrat, die völkisch-deutschnationalen Verbindungen, sehr innovationsresistent seien. "Die Identitären kann man insofern auch als Reaktion auf den Repressionsdruck und auch auf das Ende der rechtsextremen Plattform "Alpen Donau Info" sehen", sagt Weidinger. "Alpen Donau Info" galt lange als zentrale Online-Plattform der Szene in Österreich.

Modernisierte Strategie

Auf "ein paar hundert Leute" schätzt man im DÖW die in Österreich noch aktive, klassische Neonazi-Skinheadszene. In Österreich sei diese nie besonders groß oder bedeutsam gewesen. Rechtsextreme Organisationen wie der "Bund freier Jugend" (BfJ), der in den 2000-er Jahren aktiv war und schließlich nach einem langen Gerichtsverfahren von der Bildfläche verschwand, seien eng mit dem dominanten völkisch-deutschnationalen Lager verwoben, erklärt Weidinger. Der BfJ galt als Jugendorganisation der rechtsextremen "Arbeitsgemeinschaft für freie Politik", einer in Kärnten und Oberösterreich nach wie vor aktiven rechtsextremen Gruppierung, die in der Vergangenheit ebenfalls eine wichtige, integrative Funktion im rechtsextremen Milieu einnahm.

Die weiteren Karrierewege von einigen der wichtigsten Protagonisten des BfJ zeigen beispielhaft, wie sich die Szene veränderte: Einige Kader verschwanden zunächst aus der öffentlichen Wahrnehmung und tauchten später in Medienprojekten der extremen Rechten wie beispielsweise "Info Direkt" in Oberösterreich auf, arbeiten heute im FPÖ-Umfeld oder üben bestimmte Funktionen in der sogenannten neuen Rechten aus.

Die klassische Neonaziszene aber habe sich "stark ausdifferenziert", sagt Weidinger. Auch, was die in der Subkultur gehörte Musik betrifft. "Früher dominierten Rechtsrock und Liedermacher, das hat sich heute auf ein sehr breites Musikspektrum erweitert." Auch, was die Optik betrifft: "Autonome Nationalisten" kaperten schon vor Jahren Demonstrationsformen, Kleidungsstile und teilweise auch Themen der radikalen Linken und der Autonomen. In Deutschland machten rechtsextreme Gruppen wie die "Unsterblichen" mit flashmobs Schlagzeilen - Strategien im Umgang mit Massenmedien, die auch die Identitären für sich nutzen.

Rechtsextreme Hooligans 

Der gewaltaffine, klassische Neonazismus ist außerhalb der schwindenden Naziskin-Szene sonst nur noch im Bereich von Kampfsport- oder Hooliganszenen anzutreffen. Dort habe, sagt Weidinger, auch Gottfried Küssel in den Achtzigern und Neunzigern versucht, Nachwuchs zu rekrutieren - mit mäßigem Erfolg. Dieses Milieu bestehe schon länger und zeichne sich durch relative Autonomie von den restlichen Szenebereichen aus, sagt Weidinger: "Auch, weil diese Hooligans als schwer kontrollierbar gelten. Für sie steht, im Gegensatz zu den leicht abfällig 'Scheiteln' genannten Neonazi-Kadern, die Erlebnisorientierung und eben Gewalt im Vordergrund."  Davon will die dominante Strömung des modernisierten Rechtsextremismus, die sogenannte "neue Rechte", freilich nichts wissen.