Wien. "Gottseidank hab ich schon ne Waffe gekauft, bevor der Asylwahn begonnen hat. Dürfte schwer sein, jetzt noch was Gutes zu bekommen." So lapidar wie rassistisch kommentierte das Gesicht der Identitären Bewegung, Martin Sellner, 2016 den Anstieg der Waffenverkäufe. Im Jahr darauf feuerte er mit einer Schreckschusspistole in einer Wiener U-Bahn-Station mehrere Schüsse ab. Sellner sei von "vermummten Antifaschisten" angegriffen worden, hieß es später. Gegen Sellner wurde ein vorläufiges Waffenverbot verhängt.

Aus Staatsschutz-Ermittlungen geht nun hervor, dass Sellner bei weitem kein Einzelfall ist: Die Identitären und ihr Umkreis sind demnach alles andere als friedfertige Aktivisten, als die sie sich selbst gerne darstellen. Viele von ihnen sind bewaffnet, 32 von ihnen sind wegen diverser Delikte verurteilt worden, darunter schwere Körperverletzung, Vergewaltigung, Erpressung, Raub - und Wiederbetätigung. Die "Salzburger Nachrichten" und ORF zitierten aus einem Ermittlungsbericht, wonach jeder Fünfte der 364 auf einer Liste der Behörden befindlichen Rechtsextremen legal eine Schusswaffe besitze. Das Arsenal des Kaders reiche von Schrotgewehren, Schlagringen bis hin zu halbautomatischen Schusswaffen. Gegen zehn Identitäre, inklusive Sellner, besteht ein aufrechtes Waffenverbot. Einige Identitäre sollen auch gegen Waffenverbote verstoßen haben. Unter den Finanziers der Rechtsextremen finden sich auch drei FPÖ-Politiker.

Massive Gewalt in Lille

Das Bild, dass sich durch das "Leak" der Identitären-Liste von der "Bewegung" zeigt, deckt sich mit dem in anderen Ländern der europaweit agierenden Identitären. In Frankreich, dem Ursprungsland der rechtsextremen Gruppierung, strebt die Regierung ein Verbot der Identitären an. Diskutiert wird darüber in Paris schon seit 2012.

Im Dezember vergangenen Jahres veröffentlichten Journalisten von Al Jazeera Großbritannien ihre Undercover-Recherchen im nordfranzösischen Lille. Wenn er eine tödliche Krankheit hätte, würde er sich eine Waffe besorgen und ein Attentat auf eine Moschee verüben, sagt einer der gefilmten Identitären in der Dokumentation. Zu sehen sind auch Angriffe auf Passanten. 2017 wurden drei Identitäre aus Lille verhaftet, die einen Mord an einem linken Musiker verübt haben sollen. Sie sollen den Punk auf seinem Heimweg überfallen und in einen Fluss geworfen haben. Zuvor hatten sie die SIM-Karten aus ihren Handys entfernt, um eine Rekonstruktion ihres Aufenthaltsortes zu verhindern. Zuvor waren in Lille bereits zahlreiche andere Identitäre wegen einer Serie von Gewalttaten verurteilt worden. Im April 2018 wurde der Hauptverdächtige aus der Untersuchungshaft entlassen.