In Deutschland pflegen Martin Sellner und sein Mentor, der Verleger, ehemalige Aktivist und "Vordenker" der Rechtsextremen, Götz Kubitschek ("Institut für Staatspolitik"), intensive Verbindungen zur dort aufgebauten identitären "Kontrakultur Halle" und anderen rechtsextremen Zirkeln. 2015 absolvierte Sellner bei Kubitschek eine Art "Praktikum".

Vergangenen Mittwoch durchsuchten Polizei und Verfassungsschutz zahlreiche Objekte in der rechtsextremen und neonazistischen Szene, vorwiegend im Raum Cottbus in Brandenburg. Gefunden wurde nicht nur Propagandamaterial der Identitären und der assoziierten Gruppe "Defend Cottbus", sondern auch Schusswaffen, Messer, Schlagstöcke und andere Waffen. Es geht um Körperverletzungen, Verstöße gegen das Waffengesetz, Sachbeschädigungen, Drohungen und das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

Netzwerken im Rhône-Tal

Die Razzia zeigte: Identitäre, organisierte Neonazis und andere gewaltbereite Rechtsextreme aus der Kampfsport- oder Rockerszene arbeiten Hand in Hand. Martin Sellner ist nicht nur führender Kopf der österreichischen Identitären, er ist nach Ansicht zahlreicher Rechtsextremismusexperten auch am intensivsten mit internationaler Vernetzung beschäftigt. Unablässig reist Sellner auch in andere Länder und trifft Gleichgesinnte. Seinen Mentor Kubitschek lernte er, genau wie den Autor und "Intellektuellen" Martin Lichtmesz, bereits 2012 kennen - und zwar in der Kleinstadt Orange im französischen Rhône-Tal. "Wir fahren dorthin, um das Auftreten, die Organisationsform, die Dynamik und die Stoßrichtung des ‚Bloc‘ kennenzulernen und an dem abzugleichen, was wir in Deutschland machen und noch machen könnten", schrieb Kubitschek damals offen auf dem Blog seiner Zeitschrift "Sezession". Für Sellner dürfte der Besuch bei der Tagung des französischen "Bloc Identitaire", einer Art Vorläufer der "Génération Identitaire" und damit der identitären "Bewegung", ein Schlüsselerlebnis gewesen sein. Geladen waren zahlreiche auch internationale Gäste.

Vernetzt sind die Identitären, ob in Deutschland, Österreich oder Frankreich, auch mit den italienischen Neofaschisten von der "Casa Pound". Sellners Mitstreiter Lichtmesz würdigt sie in Kubitscheks "Sezession" als "frischen Wind" für die italienische Rechte. Im Dezember 2011 erschoss in Florenz ein "Casa Pound"-Mitglied drei Menschen, darunter zwei Männer aus dem Senegal. Bevor er sich selbst erschoss, versuchte er noch weitere Menschen zu ermorden. Im März 2018 wiederholte sich Ähnliches im mittelitalienischen Macerata. Ein Mann mit "Casa Pound"-Verbindungen schoss aus seinem fahrenden Auto stundenlang auf Migranten, sieben Menschen wurden schwer verletzt.

BVT-Chef ist "verärgert"

Die meisten österreichischen Identitären besitzen ihre Waffen ganz legal. 68 von ihnen weisen laut dem vorliegenden Leak kriminalpolizeiliche Vermerke wegen des Verdachts einer Straftat auf, 32 wurden rechtskräftig verurteilt, 16 davon wegen Gewaltdelikten.Peter Gridling, Direktor des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT), zeigt sich ob des medialen Leaks "verärgert". "Alles, was in der Öffentlichkeit erörtert wird, hilft uns nicht, ist wenig geeignet, um Vertrauen in die Organisation zu erwecken", sagt er. Er macht sich um seine ohnehin schon um das Vertrauen der internationalen Partnerdienste kämpfenden Behörden zusätzliche Sorgen. "Was nun medial zitiert wird, ist alles aus Berichten für die Staatsanwaltschaft", sagt Grilding. Die Grazer Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Martin Sellner.

In Graz betont man, dass auch der BVT-U-Ausschuss über die nun geleakten Dokumente verfügt.