Wien. Die Masern breiten sich aus - in ganz Europa, auch in Österreich. Aus den USA werden Rekordzahlen gemeldet: 695 Fälle von Masern gibt es dort aktuell in 22 Bundesstaaten. Über 80.000 Infektionen registrierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2018 in Europa, in 70 Fällen endete die Krankheit tödlich. Der Trend wird sich 2019 fortsetzen. EU und WHO werben nun intensiv für das Impfen, am Mittwoch startete deshalb die europäische Impfwoche. Immer mehr Menschen aber sehen das Impfen skeptisch - oder lehnen es es, für sich selbst oder auch die eigenen Kinder, gänzlich ab.

In Österreich wollte die Ärztekammer bis vor kurzem dem Problem noch mit verstärkter Aufklärung beikommen. Nun fordert auch sie eine generelle Impfpflicht - und zwar bezüglich aller im Österreichischen Impfplan empfohlenen Immunisierungen. Mögliche Konsequenzen bei Nichteinhaltung zu definieren, sei Aufgabe der Politik, so die Ärztekammer vor zwei Wochen. Woher aber kommt die Konjunktur der Impfgegner- und Skeptiker?

"Es gibt mehrere Urquellen", sagt Ulrike Schiesser, Psychologin an der Bundesstelle für Sektenfragen. "Die wichtigste ist wohl eine zunehmende, grundsätzliche Skepsis gegenüber der Medizin und der Wissenschaft. Nur weil etwas Stand der Wissenschaft ist oder von Wissenschaftlern empfohlen wird, heißt das nicht mehr automatisch, dass dem auch geglaubt wird." Dass gefühlte Wahrheiten, dass Emotionen mehr Bedeutung haben, als gesichertes Wissen, sei durchaus eine neue Entwicklung. Schiesser sieht aber auch einen Zusammenhang zwischen der Konjunktur von Esoterik und Verschwörungstheorien und der Zunahme von Impfgegnern und -skeptikern. "In diesen Szenen ist Impfgegnerschaft stärker ausgeprägt als anderswo, weil es dort ohnehin mehr 'alternative' Konzepte vertreten werden, die zur Erklärung oder auch zur Behandlung von Krankheiten herangezogen werden. Zudem gilt die Pharma- Industrie in den Szenen als Hauptfeind", sagt die Psychologin.

Emotion schlägt fachliche Information

Das Spannende ist die nun entstehende Breitenwirkung. Über soziale Medien kommen auch Personen, die sich sonst nicht mit Verschwörungstheorien beschäftigen, in Kontakt mit einschlägigen Texten und Portalen. "In den Blasen und Peer-Groups in sozialen Medien bilden sich hegemoniale Ansichten heraus, diese werden dann auch schnell übernommen", so Schiesser. "Die Leute informieren sich leider immer stärker über solche 'digitale Blasen' - stärker als von fachlicher Seite."

Die Geschichte von der Nachbarin, dessen Kind nach der Masern-Impfung Fieber hatte und seit dem in der Schule unaufmerksam ist, ist viel wirkungsmächtiger als fachlich fundierte Informationen. "Persönliche Geschichten, vor allem Horrorgeschichten in Foren, prägen hier massiv die Wahrnehmung", sagt Schiesser. "Geschichten wird mehr geglaubt als Statistiken und Fakten."

Zudem kommt noch etwas anderes: "Impfen wurde immer schon als etwas Negatives oder unheimlich erlebt haben: Das Eindringen eines Stoffes, der im eigentlichen Sinn etwas Schädliches ist, ist uns von Natur aus unheimlich", sagt Schiesser. "Auf die nächste Impfung freut sich eigentlich niemand. Es war immer eine mehr oder weniger unangenehme Pflicht. Denken Sie an die Impfaktionen in der Schule. Dass Impfen etwas Positives ist, man dadurch mehr Sicherheit gewinnt, sei in der Vergangenheit nie so vermittelt worden. Kurz gesagt: Weil Impfen grundsätzlich mit negativen Gefühlen verbunden ist, fallen entsprechende Haltungen und auch Verschwörungstheorien im Netz sofort auf fruchtbaren Boden.

Wissenschaft als "Problemverursacher"

Als Akt der Solidarität, den Impfen darstellt, wurde es nie wahrgenommen. "Wir müssen uns auch fragen: Welche Emotionen vermittle ich? Ich impfe nicht nur zu meinem eigenen Schutz, sondern, im Falle von ansteckenden, schweren Krankheiten wie Masern, auch für die Schwachen, für Kinder und Säuglinge, für die Alten, für die chronisch Kranken mit einem geschwächten Immunsystem", empfiehlt die Psychologin.

Woher aber kommt die Skepsis gegenüber Wissenschaft, Forschung und ihrer Institutionen? Schiesser vermutet ein Bündel von Faktoren: Einerseits eine zunehmende Verunsicherung der Gesellschaft aufgrund politischer, sozialer und wirtschaftlicher Krisen, andererseits die Tatsache, dass Informationen - auch falsche - sofort und jederzeit verfügbar sind. "Im Gegensatz zu den 60er und Jahren werden Wissenschaft und Forschung, wie auch die Politik, heute nicht mehr als problemlösende, positive Instanzen wahrgenommen." Im Gegenteil: Viele denken, Probleme und Krisen würden durch die Wissenschaft erst geschaffen.