Die Geschichte von der Nachbarin, dessen Kind nach der Masern-Impfung Fieber hatte und seit dem in der Schule unaufmerksam ist, ist viel wirkungsmächtiger als fachlich fundierte Informationen. "Persönliche Geschichten, vor allem Horrorgeschichten in Foren, prägen hier massiv die Wahrnehmung", sagt Schiesser. "Geschichten wird mehr geglaubt als Statistiken und Fakten."

Zudem kommt noch etwas anderes: "Impfen wurde immer schon als etwas Negatives oder unheimlich erlebt haben: Das Eindringen eines Stoffes, der im eigentlichen Sinn etwas Schädliches ist, ist uns von Natur aus unheimlich", sagt Schiesser. "Auf die nächste Impfung freut sich eigentlich niemand. Es war immer eine mehr oder weniger unangenehme Pflicht. Denken Sie an die Impfaktionen in der Schule. Dass Impfen etwas Positives ist, man dadurch mehr Sicherheit gewinnt, sei in der Vergangenheit nie so vermittelt worden. Kurz gesagt: Weil Impfen grundsätzlich mit negativen Gefühlen verbunden ist, fallen entsprechende Haltungen und auch Verschwörungstheorien im Netz sofort auf fruchtbaren Boden.

Wissenschaft als "Problemverursacher"

Als Akt der Solidarität, den Impfen darstellt, wurde es nie wahrgenommen. "Wir müssen uns auch fragen: Welche Emotionen vermittle ich? Ich impfe nicht nur zu meinem eigenen Schutz, sondern, im Falle von ansteckenden, schweren Krankheiten wie Masern, auch für die Schwachen, für Kinder und Säuglinge, für die Alten, für die chronisch Kranken mit einem geschwächten Immunsystem", empfiehlt die Psychologin.

Woher aber kommt die Skepsis gegenüber Wissenschaft, Forschung und ihrer Institutionen? Schiesser vermutet ein Bündel von Faktoren: Einerseits eine zunehmende Verunsicherung der Gesellschaft aufgrund politischer, sozialer und wirtschaftlicher Krisen, andererseits die Tatsache, dass Informationen - auch falsche - sofort und jederzeit verfügbar sind. "Im Gegensatz zu den 60er und Jahren werden Wissenschaft und Forschung, wie auch die Politik, heute nicht mehr als problemlösende, positive Instanzen wahrgenommen." Im Gegenteil: Viele denken, Probleme und Krisen würden durch die Wissenschaft erst geschaffen.