Worauf wir hinauswollen: Braucht eine Große Koalition die großen Themen, damit sie funktioniert?

Da ist etwas Wahres dran. Bei großen Themen muss man die gesamte Bevölkerung mitnehmen und kann nicht singuläre Interessen durchbringen, und der Rest bleibt dann über. Es ist auch bei der jetzigen Regierung eine Gefahr, dass da zwei ziemlich ähnliche Partner sind. Die sind sich schnell einig, aber ein gewisser Teil der Bevölkerung bleibt übrig. Das ist ein genereller Unterschied zu vorher.

Sie sind unmittelbar zur Finanzkrise Minister geworden. Wann hat man damals um den Ernst der Lage gewusst? Mit der Lehman-Pleite?

Nein. Lehman war am 15. September 2008, und noch am 24. September gab es im Nationalrat die "lange Nacht der Politik", in der wir drei Milliarden Euro an Dauerbelastungen beschlossen haben, als gebe es kein Morgen. (Vor der Nationalratswahl war es zu einem freien Spiel der Kräfte mit etlichen budgetrelevanten Beschlüssen gekommen, Anm.)

Sehr bald danach war es aber klar, wie heikel die Lage ist, oder?

Ja, und damals haben wir auch das Richtige gemacht. Wir haben keine Panik bei den Sparern aufkommen lassen, und wir haben auch Arbeitsplätze durch Konjunkturmaßnahmen abgesichert. Wir hatten damals 20 Prozent Auftragsbestand bei Industriebetrieben, einen totalen Einbruch der Exporte, Finanzierungsprobleme mit den Banken und standen knapp davor, dass das Land große Probleme hat. Wir haben damals 14 Milliarden Euro bewegt, das hat man heute vergessen. Aber nach dem alten Keynes (John Maynard Keynes, Anm.), der ja nicht unrecht gehabt hat, muss das wieder refinanziert werden. Und diese Refinanzierung haben wir nie getätigt, weil die Konjunktur nie wirklich angesprungen ist.

Sie haben selbst im Buch auf die zwei Optionen in solchen Krisen verwiesen: Den freien Markt wirken lassen, das hieße Anpassung. Oder eben staatliche Investitionen, also Keynes. Österreich hat sich für Keynes entschieden. Aber ist es nicht dennoch zu ganz massiven Anpassungen gekommen, vor allem, wenn man den Arbeitsmarkt der folgenden Jahre betrachtet?

Darum war es nicht Keynes in Reinkultur. Firmen haben sich natürlich umstrukturiert und sich effizienter ausgerichtet. Das hat man auf dem Arbeitsmarkt gespürt, weil die Beschäftigung zwar gestiegen ist, aber durch die Umstrukturierung sind Leute übrig geblieben. Aber der Prozess war trotzdem richtig und einigermaßen sozial verträglich, und die Wirtschaft ist jetzt konkurrenzfähiger als vorher.

Sie schreiben von etlichen Treffen in der Krisenzeit mit Vertretern großer Unternehmen. Die Einbrüche waren bedrohlich, aber die Umsätze, Gewinne und Exporte haben sich rasch wieder erholt. Die Arbeitslosigkeit über Jahre nicht. Gibt es da eine Schieflage? Sind solche Betriebe auch "too big to fail"?