Beim Maiaufmarsch der SPÖ am 1. Mai war alles da, was eine Traditionsveranstaltung ausmacht: Viele Teilnehmer, gut disponierte Redner und strahlendes Wetter. Bei der Abschlusskundgebung trat Pamela Rendi-Wagner erstmals als Bundesparteichefin auf. Sie übte scharfe Kritik an der türkis-blauen Bundesregierung. Konkurrenz gab es von genau dieser: Denn die Regierung traf sich zu einem Feiertags-Ministerrat.

Der Maiaufmarsch der SPÖ wurde erwartungsgemäß zur großflächigen Kritik am Bund genutzt. Rendi-Wagner forderte FPÖ-Chef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache sogar zum Rücktritt auf. Der Vizekanzler sei ein permanenter Einzelfall, befand sie bei der Schlusskundgebung am Wiener Rathausplatz. Erbost zeigte sie sich etwa darüber, dass Strache eine Facebook-Seite geteilt habe, die den Holocaust leugne.

"Sozialabbau mit dem Hammer"

Dass sich der Chef der Identitären schließlich wieder vom FPÖ-Chef begeistert gezeigt habe, sei ebenfalls nicht zu akzeptieren. Außerdem zertrümmere der Bund die Politik des sozialen Ausgleichs "mit dem Hammer", den man ÖVP und FPÖ nun wegnehmen wolle. Apropos FPÖ: Diese sei die "falsche Freundin" der Arbeitnehmer, konstatierte Rendi-Wagner. Wien hingegen sei der "pulsierende Gegenbeweis" zum Bund.

Sowohl die Bundesvorsitzende als auch der Wiener Bürgermeister und SPÖ-Landesparteivorsitzende Michael Ludwig gingen in ihren Reden auf das hundertjährige Jubiläum des Roten Wien ein. Ludwig - es war die erste Mairede als Stadtoberhaupt - verwies unter anderem auf die "brutalen Faschismen", die die Erfolgsgeschichte unterbrochen hätten.

Mit Kritik am Bund sparte er erwartungsgemäß ebenfalls nicht. "Wien steht vor allem auf, wenn es ungerecht gegen die Menschen unserer Stadt geht", ließ er wissen. Eine Koalition mit der FPÖ schloss er aus. Gleichzeitig versprach er dem ebenfalls anwesenden Spitzenkandidaten bei der EU-Wahl, Andreas Schieder, alles daran zu setzen, dass man beim Urnengang Ende Mai um den ersten Platz kämpfe.

Warnung vor den Brandstiftern

Schieder warnte in seiner Rede wiederum vor Nationalisten, die die Brandstifter am gemeinsamen Europa seien, wie er befand. Erfreut zeigte er sich über den jüngsten Sieg der Sozialisten in Spanien. Jubel setzte es auch für die bei den jüngsten Wahlen erfolgreiche Präsidentin der Arbeiterkammer, Renate Anderl - die sich vehement gegen eine Senkung der AK-Beiträge aussprach und die Steureform des Bundes als "die sich am längsten hinziehende" verhöhnte.

Laut Wiener SPÖ sind zum Maiaufmarsch wieder 120.000 Menschen gekommen - so viel wie im Vorjahr. Daten für die Schlusskundgebung gab es von der Polizei, die von rund 12.000 Menschen sprach, die am - heuer aufgrund von Bauarbeiten geringfügig verkleinerten - Rathausplatz anwesend waren.

Regierung traf sich zum Ministerrat

Die Regierung traf sich indessen Mittwochfrüh zu einem Ministerrat. Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) lobten dabei noch einmal ihre Steuerreform und die sinkende Arbeitslosigkeit und ritten nebenbei Attacken auf die SPÖ. Für Kurz war es dank Steuerreform und sinkender Arbeitslosigkeit "ein freudiger 1. Mai", wie er im Pressefoyer nach dem Ministerrat sagte. In den letzten Jahrzehnten sei unter vorwiegend sozialdemokratischer Führung die Abgabenbelastung im Bund ebenso gestiegen wie in Wien die Gebühren. "Wir senken die Steuer- und Abgabenbelastung", so Kurz - und das ohne neue Schulden und neue Steuern.

Ähnlich Strache, der den Sozialdemokraten vorwarf, einen "politischen Scherbenhaufen" mit "Höchststeuerbelastung" und "Rekordarbeitslosigkeit" hinterlassen zu haben. Seit dem Regierungseintritt der FPÖ sinke die Arbeitslosigkeit dagegen. "So gesehen sind wir heute die Partei der Arbeitnehmer", befand der FP-Chef. Finanzminister Hartwig Löger (ÖVP) verteidigte die Stückelung der Steuerreform auf mehrere "vernünftige Etappen", "damit wir sicherstellen können, gleichzeitig Überschüsse zu erwirtschaften". Die Kritik der SPÖ an der Verteilungswirkung der Steuerreform wies Finanzstaatssekretär Hubert Fuchs (FPÖ) zurück. Drei Viertel der Entlastung würden in die Senkung der Einkommens-und Lohnsteuer sowie die Sozialversicherungsbeiträge fließen: "Hier ist die SPÖ einfach unsachlich, wenn sie sagt, das ist eine Steuerreform für die Großkonzerne."

Familienfest in Schönbrunn

Am Nachmittag luden Kurz, Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger und Familienministerin Juliane Bogner-Strauß (alle ÖVP) dann zum Familienfest im Schönbrunner Schlosspark, wo mehr als 50 Kinderstationen, ein Bühnenprogramm und regionale Kulinarik geboten wurden. Auch dort sei die Steuerreform Thema gewesen, hieß es in einer Aussendung. "Wenn es darum geht, für unser Land etwas weiterbringen, gibt es keine Arbeitspause - auch nicht am Feiertag", wurde Kurz zitiert.