Wien. Die letzten Zeitzeugen, die aus eigenem Erleben den Nachgeborenen vom NS-Regime erzählen können, sind längst hochbetagt. Und es wird eine Zeit kommen, da niemand mehr aus erster Hand von den Gräueln und dem Grauen berichten kann, darüber, wie es damals war in den Jahren des Nationalsozialismus, und wie groß der Bruch, die Freude und die Befreiung, als es endlich vorbei war. Wie Erinnerung und Gedenken ohne Zeitzeugen stattfinden kann, darüber wird jetzt bereits nachgedacht und mit Ideen und Konzepten experimentiert.

Ein Aspekt davon ist die Bewahrung von Lebensgeschichten und Dokumenten. Deshalb hat nun die Republik mit dem Staat Israel ein Abkommen geschlossen, das den Forschern der Erinnerungsstätte Yad Vashem unbeschränkten und kostenfreien Zugang zu den Archiven des KZ Mauthausen zur Nutzung und Auswertung zur Verfügung stellt.

Noch aber können Zeitzeugen persönlich von ihren Erfahrungen berichten. Bei der Veranstaltung der Bundesregierung zum Gedenken an die Befreiung vom Nationalsozialismus und das Ende des Zweiten Weltkriegs, der alljährlich am 8. Mai begangen wird, erzählten zwei Frauen, Gerda Frey und Helga Kinsky, wie sie der Schoa, dem Massenmord der Nazis an den europäischen Juden, entkommen konnten. Mit Glück und dank der selbstlosen Hilfe mutiger Helfer.

Der geballte Rat der beiden Überlebenden an alle Nachgeborenen ist denkbar einfach: Teilt nicht in ‚wir und die anderen‘, denn jedem kann es passieren, so wie es den Juden passiert ist und bis heute passiert, zu den ‚anderen gezählt zu werden; seid glücklich in einem Österreich leben zu können, in dem der Rechtsstaat funktioniert und das in das Friedensprojekt der EU fest integriert ist; lernt Geschichte und interessiert euch für Politik; bleibt kritisch und misstraut jeder Verschwörungstheorie; und setzt euch dafür ein, dass alle Menschen ein Leben in Menschenwürde führen können.

Der Historiker Manfried Rauchensteiner ordnete dann die Ereignisse vor 74 Jahren ein. Die bedingungslose Kapitulation der NS-Streitkräfte am 8. Mai beendete das Morden, bereits am 9. Mai, der heute längst als Europatag gefeiert wird, titelte die von den Siegermächten herausgegebene Zeitung "Neues Österreich" mit "Zurück zur Friedensarbeit". Wesentlich dafür war für Rauchensteiner jedoch die Unabhängigkeitserklärung, welche die provisorische Regierung unter Karl Renner bereits am 27. April proklamiert hatte und die unerklärlicherweise später verloren ging. Ein wesentlicher Schritt, auch im Hinblick auf die "Moskauer Deklaration" von 1943, die die Wiederauferstehung eines freien Österreich unter der Bedingung eines wesentlichen eigenen Beitrags in Aussicht stellte.

War dieser Eigenbeitrag Österreichs zur Befreiung tatsächlich groß genug? Innenpolitisch war die Antwort schnell klar und lautete: ja. Aber stimmte das auch? Für Rauchensteiner steht fest, dass diese Debatte bis heute nicht beendet ist.

"In der Schoah manifestierte sich das grausamste Gesicht des NS-Terrorregimes", stellte sodann Vizekanzler Heinz-Christian Strache unmissverständlich klar. "Die Wunden, die damals geschlagen worden sind, müssen jeder Generation aufs Neue vor Augen geführt werden." An diesen Worten des Vizekanzlers muss sich dann auch der FPÖ-Obmann Strache messen lassen.

Bundeskanzler Sebastian Kurz rückte sodann den Aspekt der Freude über die Befreiung und das heute Erreichte ins Zentrum seiner Rede: "Heute haben wir das Glück, in einem ganz anderen Österreich leben zu können." Umso mehr ergebe sich daraus die Pflicht zur Erinnerung und zum Kampf gegen jede Form des Antisemitismus.

Am Mittwochabend geht am Heldenplatz das "Fest der Freude" über die Bühne, veranstaltet vom Mauthausen Komitee Österreich.