"Wiener Zeitung": Als vor kurzem der deutsche Juso-Chef Kevin Kühnert laut über die Kollektivierung privater Konzerne wie BMW nachdachte, erhielt er Rückendeckung von Julia Herr, der Obfrau der Sozialistischen Jugend und SPÖ-Kandidatin für die EU-Wahl. SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner sprach sich dagegen aus. Ist die Demokratisierung der Wirtschaft nun noch eine rote Vision?

Andreas Schieder: Ich halte den Hintergrund dieser Debatte für hoch notwendig. Wir müssen dringend darüber reden, wie die Verteilung zwischen Staat und Privat künftig sein soll. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir überall in Europa eine falsche Privatisierungswelle erlebt, unter anderem auch in den Bereichen Verkehr, Wohnen und Wasser. Die Folgen waren stets zum Nachteil der Bürger und Konsumenten, weil diese Dienstleistungen meist teurer und schlechter wurden.

Es hat auch Privatisierungen und Liberalisierungen gegeben, etwa im Telekom-Bereich, bei denen die Konsumenten massiv profitiert haben.

Ja, das ist richtig. Trotzdem ist für mich klar, dass wir Privatisierungen bei öffentlichen Dienstleitungen einen Riegel vorschieben müssen.

In der Debatte um Kollektivierung ging es nicht um Wohnen oder Wasser, sondern um private Industriekonzerne.

Wir müssen diskutieren, wie wir mit großen Gewinnen umgehen, vor allem, wenn diese noch dazu ins Ausland verschoben werden, wo kaum noch Steuern anfallen. Das betrifft große Industriekonzerne wie auch digitale Plattformen wie Amazon, Facebook und Co. Hier finde ich eine Debatte über eine Demokratisierung durchaus sinnvoll in der Form, dass das Mitspracherecht der Arbeitnehmer in der Tradition der österreichischen Sozialpartnerschaft gestärkt wird und adäquate Steuern bezahlt werden. Von der Vergemeinschaftung privater Unternehmen halte ich nichts.

Im SPÖ-Wahlprogramm für die EU-Wahl findet sich auch das "Recht auf Arbeit". Mit dem fordert die SPÖ "nun eine Jobgarantie (. . .), die allen Menschen, die arbeiten können und arbeiten wollen, einen staatlich finanzierten Arbeitsplatz sichert". Das Zitat stammt aus der Presseaussendung der SJ. Im April waren 300.000 Menschen arbeitslos, in der EU sind es aktuell 16 Millionen: Wie wollen Sie das umsetzen und finanzieren?

In Österreich haben wir unter einem SPÖ-Kanzler Werner Faymann die Jugend-Garantie umgesetzt, nach der jeder Jugendliche das Recht auf einen Schul-, Lehr- oder Studienplatz beziehungsweise eben einen staatlich bereitgestellten Ausbildungsplatz erhält. Heute ist das ein zentraler Punkt im Wahlprogramm der europäischen Sozialdemokratie.