"Wiener Zeitung": Europa war lange Zeit treibende Kraft in Sachen Klimaschutz und wurde dabei von den USA unter Präsident Barack Obama unterstützt. Nachfolger Donald Trump hat angekündigt, 2020 aus dem Klimaabkommen von Paris aussteigen zu wollen. Wie ist die Situation in Europa heute?

Helga Kromp-Kolb: Europa lässt nach. Allen voran hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Verhalten geändert. Früher war sie für den Klimaschutz, heute setzt sie sich vor allem für den Schutz der Automobilindustrie ein - und zwar nicht erst seit der Dieselkrise 2015, durch die Deutschland aber natürlich auch unter Druck gekommen ist (Manipulationen verschiedener Autohersteller zur Umgehung gesetzlich vorgegebener Grenzwerte für Abgase, Anm.). Das Problem ist, dass sie nicht nur Deutschland dazu bringt, gegen bestimmte Maßnahmen zu sein, sondern auch andere Staatschefs unter Druck setzt, zum Beispiel Grenzwerte nicht zu hoch anzusetzen.

Helga Kromp-Kolb ist Meteorologin und Klimaforscherin. Bis 2018 leitete sie das Zentrum für globalen Wandel und Nachhaltigkeit an der Universität für Bodenkultur in Wien. Nach wie vor hält sie auch an der Universität Wien Lehrveranstaltungen ab. - © apa/Hans Klaus Techt
Helga Kromp-Kolb ist Meteorologin und Klimaforscherin. Bis 2018 leitete sie das Zentrum für globalen Wandel und Nachhaltigkeit an der Universität für Bodenkultur in Wien. Nach wie vor hält sie auch an der Universität Wien Lehrveranstaltungen ab. - © apa/Hans Klaus Techt

Ist die Klimapolitik der Europäischen Union mit den Maßnahmen, die die Länder setzen, um zum Beispiel die Erderwärmung bis 2100 unter zwei Grad zu halten, überhaupt ambitioniert genug?

Es geht ums Wollen. Wir müssen die Klimaziele nur erreichen wollen. Im Technologiebereich ist hier die Wirtschaftlichkeit ein wesentlicher Faktor. Wir müssen aber auch unsere Lebensgewohnheiten ändern. Industrie und Verkehr spielen eine große Rolle, und wir dürfen auch unsere Ernährung nicht unterschätzen. Die drei Standbeine der Fleischproduktion sind Düngemittelproduktion, Abnahme der Regenwälder und die Ausgasungen der Tiere, also der Wiederkäuer. Außerdem verwenden wir mehr landwirtschaftliche Fläche, um Futtermittel zu erzeugen, als Lebensmittel. Eine kleinteilige Landwirtschaft wäre überhaupt wesentlich produktiver als die industrielle. Weltweit produziert sie ein Drittel der Lebensmittel auf einem Viertel der Fläche.

Welche Länder werden die Klimaziele der Europäischen Union voraussichtlich nicht erreichen?

Deutschland, die Schweiz und Österreich sind nicht auf Kurs. Skandinavien ist recht gut unterwegs. Im Vorjahr kam das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change, Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen, Anm.) zu dem Ergebnis, dass die globale Erwärmung eigentlich bei 1,5 Grad stoppen müsste. Die Forscher erwarten, dass die Schäden schon bei einer Steigerung von zwei Grad exponentiell steigen. Bei drei Grad wären sie noch dramatischer. Die Bedrohung ist real. Die Gletscher ziehen sich zurück, Wetterextremereignisse häufen sich, die Biodiversität nimmt ab.