"Wiener Zeitung": Europa war lange Zeit treibende Kraft in Sachen Klimaschutz und wurde dabei von den USA unter Präsident Barack Obama unterstützt. Nachfolger Donald Trump hat angekündigt, 2020 aus dem Klimaabkommen von Paris aussteigen zu wollen. Wie ist die Situation in Europa heute?

Helga Kromp-Kolb: Europa lässt nach. Allen voran hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Verhalten geändert. Früher war sie für den Klimaschutz, heute setzt sie sich vor allem für den Schutz der Automobilindustrie ein - und zwar nicht erst seit der Dieselkrise 2015, durch die Deutschland aber natürlich auch unter Druck gekommen ist (Manipulationen verschiedener Autohersteller zur Umgehung gesetzlich vorgegebener Grenzwerte für Abgase, Anm.). Das Problem ist, dass sie nicht nur Deutschland dazu bringt, gegen bestimmte Maßnahmen zu sein, sondern auch andere Staatschefs unter Druck setzt, zum Beispiel Grenzwerte nicht zu hoch anzusetzen.

Ist die Klimapolitik der Europäischen Union mit den Maßnahmen, die die Länder setzen, um zum Beispiel die Erderwärmung bis 2100 unter zwei Grad zu halten, überhaupt ambitioniert genug?

Es geht ums Wollen. Wir müssen die Klimaziele nur erreichen wollen. Im Technologiebereich ist hier die Wirtschaftlichkeit ein wesentlicher Faktor. Wir müssen aber auch unsere Lebensgewohnheiten ändern. Industrie und Verkehr spielen eine große Rolle, und wir dürfen auch unsere Ernährung nicht unterschätzen. Die drei Standbeine der Fleischproduktion sind Düngemittelproduktion, Abnahme der Regenwälder und die Ausgasungen der Tiere, also der Wiederkäuer. Außerdem verwenden wir mehr landwirtschaftliche Fläche, um Futtermittel zu erzeugen, als Lebensmittel. Eine kleinteilige Landwirtschaft wäre überhaupt wesentlich produktiver als die industrielle. Weltweit produziert sie ein Drittel der Lebensmittel auf einem Viertel der Fläche.

Welche Länder werden die Klimaziele der Europäischen Union voraussichtlich nicht erreichen?

Deutschland, die Schweiz und Österreich sind nicht auf Kurs. Skandinavien ist recht gut unterwegs. Im Vorjahr kam das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change, Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen, Anm.) zu dem Ergebnis, dass die globale Erwärmung eigentlich bei 1,5 Grad stoppen müsste. Die Forscher erwarten, dass die Schäden schon bei einer Steigerung von zwei Grad exponentiell steigen. Bei drei Grad wären sie noch dramatischer. Die Bedrohung ist real. Die Gletscher ziehen sich zurück, Wetterextremereignisse häufen sich, die Biodiversität nimmt ab.

Inwieweit spielt die Klimapolitik bei der EU-Wahl am 26. Mai eine Rolle?

Das Climate Action Network (Dachverband von mehr als 1300 umweltpolitischen Nichtregierungsorganisationen aus 120 Ländern, Anm.) hat die verschiedenen Parteien hinsichtlich Klima- und Umweltfragen analysiert und in drei Kategorien unterteilt: die Umweltverteidiger, die Verzögerer und die Dinosaurier, die am Fossilen festhalten. Auch für Österreich gibt es eine Analyse. In die Kategorie Verteidiger fallen die Grünen, knapp gefolgt von der SPÖ, zu den Verzögerern zählen Neos und die FPÖ und zu den Dinosauriern die ÖVP.

Angenommen, die Europäische Union setzt sämtliche Maßnahmen um. Könnte damit die globale Erwärmung tatsächlich gestoppt werden - trotz des Ausstiegs der USA aus dem Klimaabkommen?

Ja. Wir könnten es auch ohne Amerika schaffen. Amerika verfolgt ja auch nicht in seiner Gesamtheit das Prinzip seines Präsidenten. Es gibt viele Städte und große Firmen, die klimabewusst agieren. Eine ganz entscheidende Rolle spielt außerdem China. China tut relativ viel für den Klimaschutz, weil es ja selbst stark von den Folgen der Luftverschmutzung betroffen ist. Das heißt, das Reinhalten der Luft geht Hand in Hand mit dem Klimaschutz. Die Chinesen bauen Städte mit einem wirklich guten, öffentlichen Verkehrsnetz, das elektrisch gespeist wird. Sie sind da sehr erfinderisch und haben auch den technologischen Hintergrund dazu. Außerdem legen sie Kohlekraftwerke still und ersetzen sie durch Anlagen für erneuerbare Energien.

Wo wird sich der Klimawandel letztendlich entscheiden?

In den Schwellen- und Entwicklungsländern wie Indien oder Afrika. Wenn die Menschen in diesen Ländern versuchen, unsere Lebensstandards mit den Mitteln zu erreichen, wie wir es gemacht haben, explodiert die Situation. Daher ist es unsere Aufgabe, ihnen zu zeigen, dass wir erkannt haben, dass wir einen anderen Weg gehen müssen. Dass dieser Weg ein Fehler war. Das ist unsere Rolle: Vorbild zu sein.