Seitenstetten. Während die türkis-blaue Regierung die Struktur der österreichischen Krankenkassen grundsätzlich ändert, bleibt eine riesige Gruppe an Patienten weiterhin benachteiligt: Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen. Es gibt viel zu wenige Psychiater mit Kassenverträgen. Wichtige Medikamente werden nicht erstattet, hieß es am Donnerstag bei den Praevenire-Gesundheitstagen in Seitenstetten in Niederösterreich.

"Derzeit sind mindestens zehn Prozent der Bevölkerung an einer Depression erkrankt. Davon 4,2 Prozent schwer, 7,3 Prozent mittelgradig und 5,6 Prozent leicht", sagte der Chef der Universitätsklinik für Psychiatrie in Wien (MedUni/AKH), Siegfried Kasper. "Wird eine leichte Depression nicht behandelt, wird sie mittelgradig, wird eine mittelgradige Depression nicht behandelt, wird sie schwer. Die Rückfallsrate beträgt dann 75 Prozent."

Zwei neue Antidepressiva von Kassen nicht bezahlt

Obwohl wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt hätten, dass moderne Medikamente für psychiatrische Erkrankungen mindestens so gut wirkten wie Arzneimittel für internistische Erkrankungen (Hypertonie etc.), würden die Patienten diesbezüglich übervorteilt. Während kein Mensch Krebspatienten neue onkologische Therapien verweigern würde, frage man zum Beispiel bei neuen Antidepressiva schnell, ob diese denn wirklich notwendig seien.

Fazit, so der international hoch anerkannte Spezialist in Sachen Depressionsforschung: "Zwei neue Antidepressiva - Agomelatin und Vortioxetin - werden von den Krankenkassen nicht bezahlt." Schon in nächster Zukunft würden mit Esketamin und Brexanolon zwei weitere innovative Antidepressiva auf den Markt kommen, bei denen sich wiederum die Frage der Finanzierung - und ob sich diese nur begüterte Patienten leisten könnten - stellen werde.

"Volksgesundheitliches Problem von großer Tragweite"

In einer klinischen Studie, an der Kasper und sein Team mitgearbeitet haben, konnte beispielsweise gezeigt werden, dass unter Verwendung von Esketamin und einem herkömmlichen Antidepressivum die Rückfallsrate von Menschen mit schwerer Depression nur 25,8 Prozent betrug. Mit dem herkömmlichen Antidepressivum allein lag sie in der untersuchten Patientengruppe bei 57,6 Prozent.

"Wir wissen, dass ein nicht unbeträchtlicher Anteil an Patienten mit Depressionen auch auf mehrere Behandlungsversuche mit erstattungsfähigen Antidepressiva nicht oder nur unzureichend anspricht. Ein Teil dieser Patienten könnte mit den neuen Substanzen erfolgreich behandelt werden. Werden diese Medikamente den Patienten vorenthalten, haben wir - in Anbetracht der großen Anzahl von depressiven Erkrankungen - ein volksgesundheitliches Problem von großer Tragweite", hat dazu auch am Mittwoch die Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP), Christa Rados, gewarnt.

Hausärzte adäquat ausbilden

Die zweite Problematik liegt seit vielen Jahren im schwachen Versorgungsnetz durch Psychiater mit Kassenvertrag in Österreich. "Wir haben in Wien für zwei Millionen Einwohner und 200.000 bis 300.000 Niederösterreicher nur 25 Kassen-Psychiater. Es gibt aber 300 bis 400 Psychiater als Wahlärzte (privat zu zahlen; Anm.). Das sind 120 bis 150 Vollzeitäquivalente", sagte Eva Maria Allen, Psychiaterin mit Kassenordination in Wien-Floridsdorf und Berufsgruppenobfrau in der Ärztekammer. Sie selbst versuche, Patienten aus dem eigenen Bezirk möglichst schnell zu behandeln, sonst gebe aber sechs Wochen Wartezeit auf einen Termin. "Der nächste Kassenpsychiater in Niederösterreich ist in Mistelbach. Das sind 40 Kilometer."

Primärversorgungszentren, ein solches betreibt der OÖ Allgemeinmediziner Erwin Rebhandl, könnten einen Teil der Versorgung auffangen. Zunächst sollten die Hausärzte so ausgebildet werden, dass sie leichte und mittelgradige Depressionen frühzeitig erkennen können und die Behandlung einleiten. In seinem Zentrum stehe aber auch Psychotherapie am gleichen oder an einem der nächsten Tage nach Diagnose zur Verfügung. Sonst gebe es Wartezeiten von inakzeptablen drei Monaten. (apa)