Wien. Für den im Zuge der Ibiza-Affäre zurückgetretenen Vizekanzler Heinz-Christian Strache übernimmt vorerst Infrastrukturminister Norbert Hofer, dem als Regierungskoordinator ein gutes Verhältnis zum Koalitionspartner nachgesagt wird. Nicht umsonst haben die Freiheitlichen Hofer der ÖVP als Strache-Nachfolger offeriert. Nun stehen die Zeichen auf Neuwahlen. Dem Vernehmen nach hatte die Kanzlerpartei den ebenfalls nicht unumstrittenen Innenminister Herbert Kickl zur Disposition gestellt und das Innenministerium zurückgefordert.

Hofer gehört zum engsten Führungszirkel der FPÖ und ist nach außen hin der Weichzeichner der hart rechten Freiheitlichen. Er arbeitete an den vergangenen Parteiprogrammen führend mit und gibt sich in der Öffentlichkeit weit nicht so aggressiv wie Strache.

Nun wird er zum zweiten Mal dazu gezwungen, für seine Partei zu handeln. Das erste Mal sprang er als Kandidat für die Bundespräsidentenwahl  2016 ein, für die er eigentlich gar nicht antreten wollte, und nun zwingt ihn die Ibiza-Affäre dazu, die Partei wieder in ruhige Gewässer zu führen. Schon länger gilt Hofer als logischer Nachfolger Straches, obwohl er erst kürzlich ankündigte, 2022 aus eigenen Stücken bei der nächsten Bundespräsidentenwahl antreten zu wollen.

Spätestens seit seiner Kandidatur für die Hofburg 2016 ist Hofer nicht unumstritten. Er ist ein langjähriges Mitglied der "pennal-conservativen Burschenschaft Marko-Germania zu Pinkafeld", eine schlagende Verbindung mit deutschnationaler Ausrichtung. Das bemerkenswerte an der Burschenschaft ist mitunter ihr fragwürdiges Verhältnis zur österreichischen Nation.

Laut dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, kurz DÖW, werde die österreichische Eigenstaatlichkeit von der Burschenschaft zwar anerkannt, aber sie besinnt sich auch auf das "deutsche Vaterland unabhängig von bestehenden staatlichen Grenzen". Daher lehnt die Marko-Germania in einer Festschrift aus dem Gründungsjahr 1994 konsequenterweise auch "die geschichtswidrige Fiktion einer 'österreichischen Nation' ab", die "seit 1945 (...) in den Gehirnen der Österreicher festgepflanzt" worden sei.

Zweite NS-Liederbuchaffäre bringt Hofer in Bedrängnis

Innerhalb der Freiheitlichen und der Regierung hat sich Hofer als Pragmatiker etabliert. Als Minister stand unter anderem wegen seinem "Nein" zum Abbiegeassistenten für Lastkraftwagen in der Kritik. Nach dem Unfalltod eines 9-jährigen Buben unterschrieben tausende Menschen eine Petition für verpflichtete Abbiegeassistenten. Hofer lehnte die Einführung trotz Einberufung eines Sicherheitsgipfels ab. Kritiker lasten dem Minister an, sich Lobbyinteressen gebeugt zu haben.

Ebenso entließ Hofer die langjährige ÖBB-Aufsichtsratsvorsitzende Brigitte Ederer im vergangenen Jahr vorzeitig und setzte mit Arnold Schiefer einen schlagenden Burschenschafter an ihre Stelle.

Konkret gab es auch Stunk als im Februar 2018 in der Bude der Wiener Burschenschaft Bruna Sudetia ein weiters NS-Liederbuch gefunden wurde. Der Vorsitzende der Burschenschaft ist Herwig Götschober, der in Hofers Kabinett für die Social-Media-Agenden zuständig ist. Götschober kündigte nach dem Auffliegern der Causa an, erst wieder ins Ministerium zurückzukehren, bis der Fall restlos aufgeklärt ist. Recherchen der "Wiener Zeitung"  zeigten aber, dass Götschober bereits nach neun Tagen wieder im Ministerium arbeitete. Die Causa ist heute nicht aufgeklärt. Hofer stellte sich in beiden Fällen vor seinen Schützling.