Wien. Mehr als 1,3 Millionen Bürger oder 26 Prozent haben der FPÖ bei der Nationalratswahl 2017 ihre Stimme gegeben. Bei der Wahl 2002 unmittelbar nach dem Knittelfelder Selbstzerstörungsparteitag waren es nur noch 490.000 oder 10 Prozent.

Dieser Erfolg trägt den Namen Heinz-Christian Strache. Jetzt, 14 Jahre, nachdem Strache den Machtkampf mit Jörg Haider gewonnen hatte und an die Spitze der FPÖ vorgerückt war, steht die Partei erneut vor einem Scherbenhaufen. Ein heimlich gefilmtes Video vom Sommer 2017 katapultiert den Vizekanzler der Republik und Parteiobmann der FPÖ hochkant aus allen politischen Ämtern, weil es in Wort und Bild dokumentiert, dass Strache den Versuchungen der Macht allzeit zu erliegen bereit ist. All die Beteuerungen, aus dem Versagen als Regierungspartei 2000 bis 2006 die richtigen Lektionen gelernt zu haben, wurden mit einem Schlag widerlegt.

Strache zeichnet in dem Video ein Bild der FPÖ, die bereit ist, sich einen fetten Teil der Republik unter den Nagel zu reißen.

Norbert Hofer ist der logische Nachrücker an die Spitze. Die Wahl um das Amt des Bundespräsidenten hat der 48-jährige Burgenländer denkbar knapp verloren, als Minister für Verkehr, Innovation und Technologie hat er keine Fehler gemacht und stattdessen die Strategie verfolgt, sich für eine zweite Kandidatur um das höchste Amt im Staat 2022 zu positionieren. Nun muss der Hobbypilot, der seit einem schweren Unfall unter erheblichen körperlichen Beeinträchtigungen leidet, die FPÖ aus der nächsten großen Krise führen und auf die kommenden Neuwahlen vorbereiten.

Welchen Weg schlägt Hofer ein?

Von einer neuerlichen Regierungsbeteiligung kann sich die Partei auf absehbare Zeit verabschieden. Die FPÖ hat den Beweis erbracht, strukturell nicht regierungsfähig zu sein. Zumindest für die nächsten beiden Legislaturperioden wird wohl keine andere Partei mehr das Wagnis eingehen, mit den Freiheitlichen auf Bundesebene eine Koalition einzugehen. Obwohl: Wer kann sich heute schon sicher sein, welche Konstellationen sich nach der nun notwendig gewordenen Nationalratswahl im September ergeben?

Das führt zur wichtigsten Frage für das Land wie für die Partei: Welchen Kurs wird die FPÖ künftig einschlagen: Bleibt sie ein Außenseiter am Rand des demokratischen Spektrums, der sich als radikale Alternative zum "System" darstellt und bewusste Grenzüberschreitungen wie die Nominierung rechtsextremer Maler für offizielle Positionen oder das Spiel mit rechtsstaatlichen Grundsätzen zur Strategie erhebt? Bleibt sie eine Partei, die Allianzen mit Russlands Staatspartei und notorischen europäischen Unruhestiftern sucht? Eine Partei, die in Fragen von Migration, Integration und Sicherheit Verunsicherung schürt, statt Probleme pragmatisch anzugehen?

Die Alternative wäre eine Entwicklung der FPÖ hin zu einer konstruktiven Partei des kleinen Mannes, die dessen Ängste und Alltagssorgen politisch aufnimmt und Gehör verschafft, ohne jedoch sich selbst außerhalb des Systems zu stellen.

Das ewige Dilemma Österreichs

Die Zweite Republik hat es auch nach 74 Jahren nicht geschafft, die Wiedergänger des ehemals Dritten Lagers als konstruktive politische Kraft dauerhaft in ihre Institutionen zu integrieren. Nicht, weil die anderen Parteien nicht wollten – Anläufe, die FPÖ als politischen Partner zu etablieren, haben sowohl ÖVP wie auch SPÖ zuhauf unternommen –, sondern weil die FPÖ sich einer solchen Zähmung mit Zähnen und Klauen widersetzte.

Wahrscheinlich ist deshalb, dass die FPÖ auch unter Norbert Hofer ihren von Jörg Haider 1986 begonnenen Weg fortsetzt und sich weiter als Speerspitze all jener inszeniert, die sich als Verlierer und Ausgestoßene des Systems verstehen. Hofer wird dabei sein Image als sachlicher Politiker pflegen. Die FPÖ bricht mit ihm mit ihrer Tradition der bierzeltbegeisternden Volkstribunen an ihrer Spitze, wie sie sowohl Jörg Haider als auch Strache, wenngleich auf höchst unterschiedliche Weise, perfekt verkörperten. Möglich, dass Parteistratege Herbert Kickl künftig in diese Rolle schlüpft. Erste Kostproben seines diesbezüglichen Talents hat er nicht zuletzt am Montag gegeben.

Diese Doppelstrategie könnte durchaus aufgehen. Solange die etablierten Parteien der FPÖ breite politische Bühne bieten, weil sie etliche Probleme, welche die FPÖ-Wähler bewegen, weder aufgreifen noch angehen, so lange muss sich die FPÖ um ihre politische Zukunft keine Sorgen machen. Und das ganz ohne Regierungsbeteiligung. Damit bleibt das größte demokratiepolitische Defizit der Republik ungelöst: ein Wechselspiel stabiler parlamentarischer Mehrheiten jenseits der ewigen großen Koalition.