Wien. Das Zentrum für Politische Schönheit, eine deutsche Guerilla-Polit-Prop-Gruppe, hatte offenbar zumindest bei der Veröffentlichung des Ibiza-Videos die Hand im Spiel. Eine dieser Gruppe näherstehende Person hat bestätigt, dass die Künstler involviert waren. Derzeit erscheint die Hypothese, dass sie an das Material gelangt sind und dieses dann verbreitet – sprich an "Spiegel" und "Süddeutsche Zeitung" weitergegeben haben – für wahrscheinlicher, als dass sie die Videoüberwachung auch selbst organisiert haben. "Da ist eher ein herrenloser Koffer aufgesammelt worden", heißt es.

Nach dieser Erklärung wäre das Video von dritter Seite angefertigt worden: Kanzler Sebastian Kurz stellte die Behauptung auf, dass der Spindoktor Tal Silberstein (er stand zur Zeit des Wahlkampfs im Sold der SPÖ) hinter dem Video steckt. Silberstein war von der Volkspartei "Dirty Campaigning" im Nationalratswahlkampf 2017 vorgeworfen worden. Damals ging es um verdeckte Pro- und Anti-Sebastian Kurz-Facebookseiten, die ein Team im Auftrag des damaligen SPÖ-Beraters Silberstein zwecks Wahlkampfmanipulation erstellt hatte. Silberstein wurde am 14. August 2017 wegen Geldwäsche verhaftet. Silbersteins damaliger SP-Kontakt twitterte am Freitag gleich nach Bekanntwerden des Skandals: "Ich schwöre, der Silberstein und ich haben nichts damit zu tun. Wenn dem so wäre, wär ich schon geplatzt vor Stolz."

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Gegenüber dem israelischen Fernsehsender "Kanal 13" hatte Silberstein bereits am Samstag jede Beteiligung bestritten. Das Monatsmagazin "Datum" übermittelte ihm eine Frageliste, die Silberstein am Montag wie folgt beantwortete: "Ich lehne diese falschen und grundlosen Anschuldigungen gegen mich ab. Ich habe nichts mit dem Ibiza-Skandal zu tun. Der Versuch, mich damit in Verbindung zu bringen, hat den Zweck, die Öffentlichkeit vom eigentlichen Skandal abzulenken. Ich habe meine Rechtsanwälte bereits damit beauftragt zu untersuchen, wie und ob ich mich gegen diese grundlosen und unverantwortlichen Angriffe wehren kann."

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Eveline Steinberger-Kern, die Frau des ehemaligen SPÖ-Bundeskanzlers, deutete wiederum auf Twitter an, es könnte Kurz selbst dahinerstecken – ohne den Kanzler freilich namentlich zu beschuldigen: "Wer zieht denn da die Fäden?", fragt sie. Und weiter: "Und man fragt sich, wer gerade jetzt davon profitiert, dass das über ,SZ‘, ,Spiegel‘ & ,Falter‘ in der Form bekannt gemacht wird?"

Wer das Überwachungsvideo tatsächlich angefertigt hat, bleibt aber weiter im Dunkeln. Die heißeste Spur zu den "Videoüberwachern" führt derzeit über die Vermieter der Finca auf Ibiza.

Die "Wiener Zeitung" erhielt via Twitter-Direktnachricht der Künstlergruppe diese Antwort auf die Frage, ob das Zentrum für Politische Schönheit hinter der Aktion steckt. - © Screenshot
Die "Wiener Zeitung" erhielt via Twitter-Direktnachricht der Künstlergruppe diese Antwort auf die Frage, ob das Zentrum für Politische Schönheit hinter der Aktion steckt. - © Screenshot

"Zentrum für politische Schönheit" hätte Know-How

Doch zurück zur Gruppe "Zentrum für politische Schönheit": Die Künstler haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie über das logistische und taktische Know-How verfügen, diese Aktion durchzuführen. Die Kosten dafür wären hoch: Informationshonorare für Recherchen für die Kontaktanbahnung, die Kontaktanbahnung selbst und die Honorare für die Schauspielerin, die die Oligarchen-Nichte dargestellt und wochenlang Kontakt gehalten hat, wären am teuersten. Mietgebühren für die Finca in Ibiza (mindestens 1050 Euro pro Nacht, 10 Gäste, 4 Schlafzimmer, 5 Betten), Kosten für die Mietwagen, die vor die Tür der Villa gestellt wurden (ein Mercedes S-Klasse kostet in Ibiza zur Hochsaison 442 Euro pro Tag, ein Maserati rund 500 Euro) wären im Vergleich zu den anderen Kosten vergleichsweise günstig. Die Gesamtkosten lägen bei sparsamer Umsetzung durchaus im Budgetrahmen für jene Projekte, die die Gruppe bereits in der Vergangenheit verwirklicht hat.

Das Zentrum hat in der Vergangenheit mit spektakulären und provokanten Aktionen von sich reden gemacht: Ende 2017 hat die Künstlergruppe in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in einem Garten neben dem Wohnhaus des AfD-Politikers Björn Höcke eine Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmals gebaut. 2015 haben die Künstler bei der Aktion "Die Toten kommen" die Leichen von bei der Flucht ums Leben gekommenen Flüchtlinge identifiziert und nach Rücksprache mit Hinterbliebenen nach Deutschland gebracht und dort beerdigt. Besonders spektakulär (und auch umstritten) war die Anlage von Gräbern direkt vor dem Amtssitz der deutschen Kanzlerin.

Offizielle Äußerung erst nach Rücktritt Kickls

Nach einem Bericht von "Profil"-Online will sich die Künstlergruppe erst dann zu dem Video äußern, wenn es zu einem Rücktritt von FPÖ-Innenminister Herbert Kickl gekommen ist. Auf eine "Wiener Zeitung"-Nachfrage mittels Twitter-Direktmitteilung läßt das Zentrum für politische Schönheit verlauten: "Wir äußern uns grundsätzlich – im Gegensatz zu den Vorsitzenden der deutschen Parteien – nicht zu den inneren Angelegenheiten anderer Länder!"

Der deutsche Journalist Daniel Laufer war der Erste, der auf Twitter auf einen Zusammenhang zwischen dem Twitter-Account "Kurzschluss14" und der Veröffentlichung des Ibiza-Videos hingewiesen hat. Dieser Twitter-Account soll erst kurz kurz vor der Veröffentlichung des Videos eingerichtet worden sein. Erster Follower dieses Accounts: Das Zentrum für Politische Schönheit. Das ZPS hat dann auch Tweets von "Kurzschluss14" verbreitet.

Auch der Zusammenhang zum deutschen Fernseh-Satiriker Jan Böhmermann ist so erklärlich: Böhmermann war in der Vergangenheit Unterstützer des Zentrums für politische Schönheit. Und er kannte das Video zumindest seit Wochen. In seiner Sendung "Neo Magazin Royale" von vergangenem Donnerstag, sagt er, dass es sein könne, "dass morgen Österreich brennt". Am Freitag schlug das Strache-Video dann ein wie eine Bombe.

Bereits im April hat Böhmermann bei der Verleihung des österreichischen TV-Preises "Romy" in einer Video-Botschaft rätselhafte Andeutungen gemacht: Er könne den Preis persönlich nicht abholen, weil er "gerade ziemlich zugekokst und Red-Bull-betankt mit ein paar FPÖ-Geschäftsfreunden in einer russischen Oligarchen-Villa auf Ibiza rumhänge", hatte der TV-Satiriker damals gesagt.

Peter Burtz, Manager von Böhmerman, bestätigte am Samstag der Deutschen Presse-Agentur, dass Böhmernann eingeweiht war. Burtz dementierte aber, dass die Aufnahmen Böhmermann angeboten worden seien. Da sie ihm nicht angeboten worden seien, habe er sie auch nicht abgelehnt, ließ Burtz mitteilen. Heinz-Christian Strache hatte Böhmermann in seiner Rücktrittsrede explizit angesprochen.

Und auch jetzt kommen neue kryptische Andeutungen aus Böhmermanns Richtung: Am vergangenen Mittwoch wurde vom Management von Böhmermann die Website dotheyknowitseurope.eu registriert. Dort läuft ein Countdown. Was wird auf dieser Website am Mittwochabend veröffentlicht? Böhmermanns Management zur "Wiener Zeitung": "Kein Kommentar." Die Programmierer der Website haben im CSS-Code einen kryptischen Hinweis eingebaut: ".Ibiza".