Es ist der erste laue Frühlingsabend seit Wochen. Ganz Österreich freut sich auf das Wochenende. In den Zeitungsredaktionen wird mit Hochdruck an den letzten Seiten der Wochenendausgaben gearbeitet, als eine Meldung die Runde macht. Sie wirkt zunächst wie ein Fake. Der "Süddeutschen Zeitung" und dem deutschen Wochenmagazin "Der Spiegel" soll ein bizarres Video zugespielt worden sein.

Es zeigt den damaligen Chef der FPÖ Heinz-Christian Strache und das Mitglied des Bundesvorstands der FPÖ und ehemaligen Wiener Vizebürgermeister Johann Gudenus am Abend des 24. Juli 2017 in einer Villa in Ibiza. Fünf Monate später – nach der Nationalratswahl und der geschmiedeten Koalition mit der ÖVP - sollen beide im Zentrum der Macht angekommen sein. Strache als Vizekanzler, Gudenus als Klubobmann der Freiheitlichen. Das Video zeigt, wie eine angebliche russische Multimillionärin der FPÖ Wahlkampfhilfe anbietet und dafür Gegenleistungen fordert. Sie will große Anteile der "Kronen Zeitung" kaufen und so der FPÖ zum Wahlsieg verhelfen. Strache zeigt sich begeistert. Trinkt, raucht und bietet im Gegenzug großzügig staatliche Aufträge im Straßenbau. Sogar die Privatisierung der österreichischen Wasserversorgung stellt er auf der Couch in Ibiza in Aussicht. Die Medienlandschaft in Österreich wolle er nach ungarischem Vorbild kontrollieren. Den ORF in Teilen privatisieren. Doch die vermeintliche reiche Russin ist Fake. Sie ist ein Lockvogel. Das ganze Szenario eine Falle. Wer sie Strache und Gudenus stellte, ist derzeit nicht bekannt.

Aus dem sonnigen Wochenende wird ein innenpolitisches Erdbeben, das in der Zweite Republik seinesgleichen sucht. Kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Die Regierung wird an den "Ibiza-Tapes" - wie die Presse die Veröffentlichungen nennt - zerbrechen. Der Kanzler wird Neuwahlen ausrufen. Österreich steht vor einem politischen Scherbenhaufen. Lassen wir das ereignisreiche Wocheneden Revue passieren.

Die "Süddeutsche Zeitung" und "der Spiegel" veröffentlichen am Freitagabend die "Ibiza-Tapes". Sie machen in den Medien des Landes schnell die Runde. Auch das Ausland berichtet. Die Opposition fordert umgehend Konsequenzen, nämlich den Rücktritt von Strache und Neuwahlen.

Das lange Warten auf den Kanzler

Am Samstagvormittag macht das Gerücht die Runde, Strache würde tatsächlich zurücktreten. Er trifft sich mit dem Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und kündigt eine Stellungnahme an. Gegen Mittag tritt er vor die Kameras und tritt mit sofortiger Wirkung von allen politischen Funktionen zurück. Nach 14 Jahren an der Spitze der FPÖ ist Strache plötzlich Geschichte. Flankiert von den FPÖ-Ministern Herbert Kickl, Beate Hartinger-Klein, Karin Kneissl und Norbert Hofer stellt er sich als Opfer eines geheimdienstlichen Anschlags dar, der gezielt vor der EU-Wahl veröffentlicht worden war. Auch Gudenus zieht einen Schlussstrich und tritt von allen seinen Ämtern zurück.