Wien. Im Alter von 13 Jahren begann Christian Weißgerber Nazi-Musik zu hören und sich mit revisionistischer Literatur zu beschäftigen. Wenige Jahre später war er fest in der Neonazi-Szene verankert, er wurde ein Führungskader in einer Gruppe der sogenannten Autonomen Nationalisten in Eisenach. Als er Anfang 20 war, begann er sich von der Szene zu lösen, schließlich stieg er gänzlich aus. Heute ist Weißgerber Ende 20 und ein gefragter Vortragender. Nach einem intensiven Reflexionsprozess hat Weißgerber ein Buch geschrieben, in dem er sich auf vielen Ebenen mit seinem Neonazi-Sein und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auseinandersetzt. 

Die "Wiener Zeitung" hat mit ihm über individuelle und kollektive Gründe für den Weg in den Neonazismus, über die Zusammenhänge und inneren Dynamiken einer heute komplexen, ausdifferenzierten rechtsextremen Szene und darüber gesprochen, wieso Aussteiger-Literatur nicht immer unproblematisch ist.

"Wiener Zeitung": Herr Weißgerber, Sie schreiben in Ihrem Buch sehr viel von Eigenverantwortung. Es sei stets eine individuelle Entscheidung, Neonazi zu werden – persönlichen Hintergründen und Voraussetzungen die Schuld zu geben, greife zu kurz. Wie aber verlief Ihr Weg in die Szene?

- © orell füssli
© orell füssli

Christian E. Weißgerber: Natürlich haben meine Kindheit und meine Jugend eine Rolle gespielt, aber es lässt sich nicht darauf reduzieren. Das Narrativ der schweren Kindheit, der Perspektivlosigkeit, dass die jeweilige Person keine andere Wahl hatte – da wird dann eine Art Notwendigkeit konstruiert, die das eigentliche Geschehen verzerrt. Ich bin nicht "abgedriftet". Mich hat das Nazi-Sein fasziniert, ich habe mich bewusst entschieden, in so eine Form der Politik zu gehen.

Das begann damit, dass ich die Form von Erzählung, die damals über Nazis vorherrschte, in höchstem Maße faszinierend fand: Das war alles so schlimm damals, die Nazis waren ganz böse, aber auf der anderen Seite war auch nicht alles schlimm, die Autobahnen wurden ja gebaut, es gab Vollbeschäftigung, ohne dass aber darüber gesprochen wurde, wie denn die Vollbeschäftigung zustande kam und aus welchem Grund die Autobahnen überhaupt gebaut worden waren.

Mich haben diese Darstellungen als Monster immer mehr fasziniert als verängstigt. Dazu kam die Alltagskultur: Einerseits diese Wir-Sie-Bezüge, die Freund-Feind-Verhältnisse, dort ist der westliche Klassenfeind, die "Wessis" sind die, die uns nur ausbeuten wollen, die "Ossis" sind die Guten, die Solidarischen. All das sind typische Muster, in denen der eigenen Gruppe alles Positive zugeschrieben wird und der anderen Gruppe alles Negative. Das gleicht dem Kern von antisemitischen Erzählungen: hier die hart arbeitenden Deutschen und dort die Bösen, die nur ausbeuten wollenden Juden. Auch Alltagsrassismen sind ganz normal gewesen, sowohl daheim als auch in der Schule.

Der Punkt, auf den ich hinaus will, ist: Das Aufwachsen in einem gewalttätigen Umfeld, wie ich es erlebte, ist nur ein Aspekt. Meine Schwester hat beispielsweise einen ganz anderen, positiveren Weg eingeschlagen. Spätere Kameraden, die ich dann getroffen habe, kamen aus gutem oder bestem bürgerlichen Haus, ohne irgendwelche sozioökonomischen Benachteiligungen, ohne die viel besprochene Perspektivlosigkeit.

Gerade diese Leute zeigen, dass hier auch einfach ein Anknüpfen an die Alltagskultur stattfindet. Und im nächsten Schritt ist es bereits das vermeintliche Deutschsein, das den Leuten angeboren sei, und für das man dann einstehen müsse, weil das Volk der Dichter und Denker ja bewahrt werden möchte.

Das ist mir besonders wichtig zu zeigen. Wir müssen weg von diesen Rechtfertigungs- und Opferdiskursen und von den Schutzbehauptungen, die dann auch von den Angehörigen, von den Eltern gestreut werden: Mein Kind ist nur "abgerutscht", kann also nichts dafür. Wenn man "abrutscht", ist der Boden irgendwie uneben gewesen, vielleicht war das Schuhwerk nicht richtig, man war vielleicht unaufmerksam, aber verantwortlich dafür war man nicht, das war ein Unfall.

So wird auch in den Medien gesprochen oder von Politikerinnen und Politikern, um nicht den Gedanken zuzulassen, dass Leute selbstbestimmt und mit Freude, aus Lust am eigenen Ressentiment, aus Spaß am Hass wenn man so möchte, solche Politik annehmen können. Um sich selbst aufzuwerten, was bei mir definitiv der Fall war. Auch wenn ich in der Schule Leute einfach so gemobbt habe, weil ich wusste, dass ich qua Blutabstammung sehr viel Wert bin, als Weißer, als Deutscher und Arier.

Sie sind 1989 geboren. Wie wichtig war Popkultur und Musik bei Ihrem Weg in die Szene?

Hier sind drei oder vier Faktoren zu nennen: Einer ist auf jeden Fall die Musik, Gruppen wie "Landser", die "Zillertaler Türkenjäger" und Die Härte", das waren die drei Bands, die damals en vogue waren, auch weil sie durchaus bekannte Volks- und Kinderlieder oder andere Rockmusik gecovert und mit Nazi-Texten versehen haben. Die hochgradig rassistische und neonazistische Ideologie, die diese Musik transportiert, hat bei Jugendlichen, wie auch ich einer war, einen typischen Effekt: Man denkt sich "wow, krass, das ist zwar hart, aber es ist ja auch nur Spaß irgendwie". Deshalb werden solche Gruppen gehört, nicht immer wegen der Musik an sich.

Der andere Faktor ist das, was man als "Lad-Culture", als "Kerls-Kultur" kennt: Eine bestimmte Kultur und Form von jugendlicher Männlichkeit und Härte. Dass man eben ein "Kerl" sein will. Ich war 12, 13 als ich diese Musik gehört habe. Das hat an diese Faszination, dass die Nazis ganz böse und monströs waren, relativ gut angeschlossen. Die, die an diese "Kerls-Kultur" gewöhnt waren, konnten sich auch in nationalkonservativen Einsichten wohlfühlen.

Der dritte Punkt entspricht nicht so sehr dem Stereotyp vom dumpfen Nazi, das war mein Interesse für Geschichte. Das speiste sich aus verschiedenen Quellen. Sie kennen sicherlich diesen verräterischen Satz, die Geschichte werde "von den Siegern geschrieben". Das kam von meinem Vater und anderen Erwachsenen. Außerdem pflegte mein Vater mit Bezug auf seinen Geschichtslehrer aus der DDR-Zeit zu sagen, wer die geschichtliche "Wahrheit" herausfinden will, der müsse sich immer alle Quellen ansehen, um da überhaupt in die Nähe zu kommen.

Diese beiden Sätze im Verbund sind natürlich fatal in Bezug auf die NS-Zeit. Nicht die offizielle Geschichtsschreibung, die von den Alliierten geschrieben worden sei, sondern gerade die revisionistische, die neu betrachtende, verleugnende und eigentlich verfälschende wird plötzlich interessant.

Sie haben einfach logisch weitergedacht und dort angeknüpft...

Auf eine sehr verkürzte Weise, weil der Gedanke, alles in Frage zu stellen, ist ja eine Taktik, die sich Verschwörungserzählungen und Holocaustleugner gleichermaßen angedeihen lassen. Es klingt ja zunächst kritisch. Auch der pädagogische Zugang, der auf meinem humanistischen Gymnasium unterrichtet wurde, hat hier mitgespielt: Alles hinterfragen, vermeintlich kritisch denken, das machte für mich Sinn. So habe ich mich schon mit 14 intensiv mit Geschichtsrevisionismus beschäftigt.

Wenn man sich da ein klein wenig eingelesen hat, dann bekommt man das Gefühl, aha, ich bin einer der letzten Träger einer Wahrheit, die von ganz oben unterdrückt, ja sogar sanktioniert wird juristisch. Ich bin quasi Teil eines ja fast schon Geheimbundes, der ein bestimmtes Geheimwissen noch aufrecht erhält, das ja politisch verfolgt wird. Ich bin da auf der Ebene etwas ganz Besonderes – im Gegensatz zu allen anderen, die mich umgeben und die schon "umerzogen" sind, meine Geschichtslehrerin, die anderen Schüler, die das alles nicht wissen, weil sie eben schon im Mainstream oder der Lügenpresse verloren sind.

Mit 16 habe ich schon aktiv Konzerte in der Szene besucht. Es hat sich einfach ergeben, dass eine Klassenkameradin mit einem deutlich älteren Typen zusammenkam, der in der Naziszene aktiv war. Dieser passte überhaupt nicht in das Stereotyp, der hatte lange Haare, war sehr wortgewandt, hatte Bezüge zur Gothic- und Industrial-Szene. Das hat ihn noch faszinierender gemacht für mich, weil ich dachte, ach, Nazis sind ja gar nicht so, wie alle sagen. Er war geistreich, klug und witzig, er konnte mir Fragen beantworten, von denen andere gar keine Ahnung hatten.