Mich haben diese Darstellungen als Monster immer mehr fasziniert als verängstigt. Dazu kam die Alltagskultur: Einerseits diese Wir-Sie-Bezüge, die Freund-Feind-Verhältnisse, dort ist der westliche Klassenfeind, die "Wessis" sind die, die uns nur ausbeuten wollen, die "Ossis" sind die Guten, die Solidarischen. All das sind typische Muster, in denen der eigenen Gruppe alles Positive zugeschrieben wird und der anderen Gruppe alles Negative. Das gleicht dem Kern von antisemitischen Erzählungen: hier die hart arbeitenden Deutschen und dort die Bösen, die nur ausbeuten wollenden Juden. Auch Alltagsrassismen sind ganz normal gewesen, sowohl daheim als auch in der Schule.

Der Punkt, auf den ich hinaus will, ist: Das Aufwachsen in einem gewalttätigen Umfeld, wie ich es erlebte, ist nur ein Aspekt. Meine Schwester hat beispielsweise einen ganz anderen, positiveren Weg eingeschlagen. Spätere Kameraden, die ich dann getroffen habe, kamen aus gutem oder bestem bürgerlichen Haus, ohne irgendwelche sozioökonomischen Benachteiligungen, ohne die viel besprochene Perspektivlosigkeit.

Gerade diese Leute zeigen, dass hier auch einfach ein Anknüpfen an die Alltagskultur stattfindet. Und im nächsten Schritt ist es bereits das vermeintliche Deutschsein, das den Leuten angeboren sei, und für das man dann einstehen müsse, weil das Volk der Dichter und Denker ja bewahrt werden möchte.

Das ist mir besonders wichtig zu zeigen. Wir müssen weg von diesen Rechtfertigungs- und Opferdiskursen und von den Schutzbehauptungen, die dann auch von den Angehörigen, von den Eltern gestreut werden: Mein Kind ist nur "abgerutscht", kann also nichts dafür. Wenn man "abrutscht", ist der Boden irgendwie uneben gewesen, vielleicht war das Schuhwerk nicht richtig, man war vielleicht unaufmerksam, aber verantwortlich dafür war man nicht, das war ein Unfall.

So wird auch in den Medien gesprochen oder von Politikerinnen und Politikern, um nicht den Gedanken zuzulassen, dass Leute selbstbestimmt und mit Freude, aus Lust am eigenen Ressentiment, aus Spaß am Hass wenn man so möchte, solche Politik annehmen können. Um sich selbst aufzuwerten, was bei mir definitiv der Fall war. Auch wenn ich in der Schule Leute einfach so gemobbt habe, weil ich wusste, dass ich qua Blutabstammung sehr viel Wert bin, als Weißer, als Deutscher und Arier.

Sie sind 1989 geboren. Wie wichtig war Popkultur und Musik bei Ihrem Weg in die Szene?

Hier sind drei oder vier Faktoren zu nennen: Einer ist auf jeden Fall die Musik, Gruppen wie "Landser", die "Zillertaler Türkenjäger" und Die Härte", das waren die drei Bands, die damals en vogue waren, auch weil sie durchaus bekannte Volks- und Kinderlieder oder andere Rockmusik gecovert und mit Nazi-Texten versehen haben. Die hochgradig rassistische und neonazistische Ideologie, die diese Musik transportiert, hat bei Jugendlichen, wie auch ich einer war, einen typischen Effekt: Man denkt sich "wow, krass, das ist zwar hart, aber es ist ja auch nur Spaß irgendwie". Deshalb werden solche Gruppen gehört, nicht immer wegen der Musik an sich.