Warum?

Aufgrund der vielbesagten Verschiebung im politischen Diskurs. Vor allem Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" ist hier zentral zu nennen. Dieser Bestseller hat das Eindringen der sogenannten "Neuen Rechten in einen massenmedialen Diskurs massiv befördert. Menschen trauen sich heute, offen ihre rassistischen Vorstellungen schamlos auszusprechen, die sie früher vielleicht auch schon hatten, aber meist eher für sich behielten.

Meines Wissens nach ist es ja so, dass Sarrazin eine sehr ehrliche Haut ist. In seinem Manuskript stand noch an vielen Stellen das Wort "Rasse" drinnen. Sein Verlag hat aber dann gesagt, das können wir nicht machen. Dann wurde die typisch neurechte Label-Kosmetik aufgezogen, "Rasse" wurde durch "Ethnie" oder "Kultur" ersetzt. So haben sie den typischen Kulturrassismus, den Ethnopluralismus, in das Buch und mit ihm in eine sehr, sehr breite Debatte eingebracht. "Der kommt ja aus SPD, das kann ja gar kein Rassist sein", auch das hat sicherlich eine große Rolle gespielt.

Zum damaligen Zeitpunkt war ich schon im Rückzugsprozess, hatte aber noch Kontakt zu vielen Nazi-Kameraden. Und die haben alle vom Fleck weg dieses Buch als ganz große Erleuchtung gefeiert, als ganz großen Aufmarschpunkt, weil endlich die Themen, über die sie jahrelang gesprochen haben, ganz im Mainstream angekommen sind. Als Konsequenz sehe ich auch das, was seit 2014 auf Deutschlands Straßen passiert, Pegida und alles andere, und auch die Reaktionen auf die Migrationsbewegung von 2015. Es ist auch keineswegs neu, dass auch in der CDU/CSU rassistische Auffassungen vertreten werden. Leute wir Franz Josef Strauß gab es immer. Da gibt es gar keine große Angst vor Berührungspunkten mit rassistischem Gedankengut, aber das wurde immer von sich geschoben.

Die sogenannte "Neue Rechte" und ihre zentrale Figur Götz Kubitschek versucht intensiv, sich vom klassischen Neonazismus abzugrenzen. Sie sagen, das sei nur Fassade. Warum?

Das zeigt sich schon allein daran, dass der damalige Lektor von Kubitscheks Antaios-Verlag, Kurt G., damals selbst in der Nazi-Punk-Band "Fight Tonight" spielte, und er war andauernd bei uns zu Besuch, ist bei uns aufgetreten, war andauernd mit uns auf Demonstrationen. Kubitschek selbst war auf Bildungsveranstaltungen, die wir mitveranstaltet hatten, anwesend. Der hat auch dort schon gefischt, was dann später die Identitären geworden sind. Viele meiner ehemaligen Freunde, Mario Müller und Dorian Schubert zum Beispiel, die heute gute Freunde von Martin Sellner sind und die jetzt in dem Hausprojekt der Identitären in Halle wohnen, waren alle bei uns, bei den Autonomen Nationalisten, aktiv.

Was die Sellner-Brüder heute behaupten, ist Fassade, beide kommen eindeutig aus einem neonazistischen Background. Und sie scheinen sehr ähnliche Modernisierungsbestrebungen unternommen zu haben, wie wir sie damals auch betrieben haben – nur dass sie heute leider deutlich erfolgreicher sind, als wir damals.

Gab es damals schon Verbindungen zu Martin Sellners Kreisen?

Gar nicht. Der war ja damals auch noch in der Neonazi-Szene aktiv. Alles läuft ja immer darüber ab, in welchen Bezügen die jeweilige Person aktiv ist. Eine Person hier kennt eine Person dort, so kommen dann Kontakte und Kooperationen zustande. Er war ja nicht bei den "Autonomen Nationalisten", sondern eher in völkischen Gruppierungen. Wir selbst hatten eher Kontakt zu Neonazis aus Vorarlberg, zu Blood & Honour Gruppen, das waren die stärkeren Bezüge bei uns.

Auch die völkisch-rechtsextreme Szene modernisiert sich, erlebt aktuell eine neue Konjunktur, wohl auch durch den Rückgriff von prägenden Ideologen auf die sogenannte "konservative Revolution" der 20er und 30er Jahre. Sie kann erfolgreich an alternative Milieus anknüpfen. Aussteigen, Landsitze, eigene Scholle, das ist nicht mehr nur für völkische Sippen attraktiv. Auch andere rechtsextreme oder neonazistische Szenen öffnen sich dafür. Hatten auch Sie und Ihre Gruppe Bezüge und Kontakte zu völkischen Strukturen?

Als ich in Eisenach den ersten Kontakt zur Szene aufbaute, musste ich mich erst mal in der Szene orientieren. Was gibt es alles? Da traf ich auch Leute aus der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ, 2009 in D verboten, Anm.), die sehr völkisch orientiert war, angeknüpft hatte an die verbotene Wiking-Jugend. Die unterstützten auch die völkische Siedlerbewegung im Osten.

Es gab Leute, die hatten auf der Alltagsebene große Sympathien für die HDJ, die aber auf der politischen Ebene gesagt haben, wir brauchen einen "Schwarzen Block" für die Demos, damit wir auch Polizeiketten durchbrechen können. Und wiederum andere, die gesagt haben, Schwarzer Block geht gar nicht, das ist das Verhalten von "Zecken" und Linken, das ist undeutsch. Das war sicher der allergrößte Teil der Völkischen, der so gedacht hat: Ihr imitiert unseren politischen Feind, ihr benehmt euch wie das Gesocks, das geht gar nicht.

Unser Projekt damals war, eine Art Reform des nationalen Widerstands einzuleiten. Die Leute sollten anfangen, tatsächlich eine Weiterentwicklung hin zu nationalrevolutionären, sozialrevolutionären Inhalten und mit entsprechendem Auftreten zu wagen: gänzlich weg von den Stereotypen des marodierenden Nazi-Skinheads, wir wollten als patriotisch, sozial und national wahrgenommen werden. Das scheiterte, auch, weil die Leute eben ihre Nazi-Sachen machen wollten.

Eine Überlegung mit dieser Enttäuschung umzugehen, war eben die Idee: "Okay, dann holen wir uns auch so einen Bauernhof und werden autark, bauen unsere Bio-Sachen an" – bei uns waren alle vegetarisch oder vegan, das gehörte sozusagen zum Eliten-Anspruch dazu. Das war auch ein Punkt, den wir selber angestrebt haben. Beim harten völkischen Kern hat ja das alles fast schon einen Reenactment-Charakter. Die versuchen ja teilweise tatsächlich genau so zu leben wie zwischen 1933 und 1945 – zumindest ihrer Vorstellung nach.

Gab es konkrete Pläne für so eine Siedlung?

Bei uns nicht, weil vorher die Gruppe zerbrochen war. Wichtige Führungspersönlichkeiten, ich und noch zwei andere, sind ausgestiegen und haben sich erstmal zurückgezogen. Wir haben uns aber ausgetauscht mit Leuten, die das schon mal gemacht haben, mit HDJ-Mitgliedern, die waren da natürlich wichtige Ansprechpartner. Ideen und Planung - ja, wirklich konkret - nein.

Wie kam es dann dazu, dass Sie begonnen haben, sich zurückzuziehen? Das war ja kein Bruch, sondern wie häufig ein Prozess.

Aus verschiedenen Gründen. Einerseits eben die Enttäuschung, vor allem darüber, dass unsere eigenen, sehr elitären Vorstellungen, wie man eine neue, revolutionäre Form umsetzen kann, gar nicht in der Szene angenommen wurde. Dass es aber trotzdem die ganze Zeit zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, dem Staat und den politischen Gegnern kam. Ich hatte einfach dann irgendwann keine Lust: Dass man mit als "Konsum-Nazis" oder "Kraken" bezeichneten Skinheads herumrennen muss, weil man natürlich deren Unterstützung auf der Straße braucht. Weil man diese "Konsum-Nazis", die auf Konzerte gehen und so Geld in die Kassen bringen, als Finanziers braucht. Und man aber umgekehrt trotzdem für diese Leute auch verantwortlich ist. Wenn die irgendwo Mist bauen, werden natürlich die Leute in die Pflicht genommen, die die Demos angemeldet haben – also wir als Kader.

Es sind viele Sachen, die zu einer Frustration geführt haben. Ein anderer Punkt war, dass es damals zum guten Ton gehört hat, sich als Führungskader der "Autonomen Nationalisten" mit Antifa-Leuten im Netz auszutauschen – auch mit dem Versuch, eine Querfront-Strategie auszuloten. Von den Antifa-AktivistInnen ist das aber aufgrund unseres menschenverachtenden Weltbildes rundweg abgelehnt worden. Die meinten damals, alle gesellschaftlichen Probleme die es als Schnittmenge gäbe, werden von euch sofort auf bestimmte soziale Gruppen abgewälzt. Bei mir war es dann so, dass dieser Austausch, der auch über einen recht langen Zeitraum stattgefunden hat, sehr anstrengend war, ich denke, für beide Seiten. Zudem habe ich begonnen, die Leute auf der anderen Seite teilweise sympathisch zu finden. Das sorgte überhaupt erst dafür, dem Gegenüber wirklich zuzuhören und nach und nach anzuerkennen, dass komplexe gesellschaftliche Probleme auf Menschengruppen abwälzen zu wollen, schlicht dumm ist, also das Erzeugen von falschen Problemen.

Zu den Frustrationsmomenten kamen so nach und nach auch Zweifel, auch durch die Auseinandersetzungen mit anderen Kameraden.

Wichtig waren auch Erfahrungen und der Austausch mit Leuten, die ich an der Uni kennengelernt habe, die sich natürlich in ganz anderen Kontexten bewegten. Das hat mir ermöglicht, über die Dinge auch ganz anders nachzudenken. Umgekehrt hatte ich aber nur zu wenigen Leuten richtigen Kontakt, vom Gros der Kollegen wurde ich natürlich ausgeschlossen. Auch dadurch hatte ich viel Zeit, nachzudenken und zu lesen.

Das war erstmal nur der Grund für den Rückzug: Ich konzentrierte mich auf mein Studium, ich halte keine Reden mehr, organisiere auch keine Demos oder Konzerte mehr – für Leute, auf die ich eigentlich keinen Bock habe.

Und dann distanziert man sich auch auf einer intellektuellen Ebene. Nach und nach erkannte ich auch: Da gibt es ganz viele körperliche Dinge, Verhaltensweisen, die ich antrainiert habe, Männlichkeitsvorstellungen, oder wie ich mit anderen Leuten rede. Alles Dinge, die dann über einen langjährigen Prozess erst wieder angepasst, verändert, ja fast neu erlernt werden müssen. Man lernt quasi nicht nur neu sprechen und denken, auch fühlen und leben.

Sie kritisieren immer wieder Aussteiger-Bücher und versuchen, den kritischen Blick auf Aussteiger zu schärfen. Wo sehen Sie Probleme?

Viele dieser Bücher kommen reißerisch daher, zielen auf Absatz und arbeiten mit einem entsprechenden Grusel-Faktor. Viele fokussieren gänzlich auf die eigene Geschichte und liefern keine strukturellen Analysen. Der Grund ist nicht selten, dass diese Personen sich vor allem physisch zurückgezogen haben, aus den Strukturen ausgestiegen sind, ihre eigene Rolle und Ideologie aber nicht ausreichend reflektieren.

Ein wirklicher Ausstieg aber ist eine sehr, sehr schwierige, schmerzhafte und langwierige Sache. Das ist auch ein Punkt, warum ich viele Aussteiger-Bücher für fragwürdig halte: Dass Leute all dies in nur wenigen Monaten hinter sich gebracht haben wollen.