Der andere Faktor ist das, was man als "Lad-Culture", als "Kerls-Kultur" kennt: Eine bestimmte Kultur und Form von jugendlicher Männlichkeit und Härte. Dass man eben ein "Kerl" sein will. Ich war 12, 13 als ich diese Musik gehört habe. Das hat an diese Faszination, dass die Nazis ganz böse und monströs waren, relativ gut angeschlossen. Die, die an diese "Kerls-Kultur" gewöhnt waren, konnten sich auch in nationalkonservativen Einsichten wohlfühlen.

Der dritte Punkt entspricht nicht so sehr dem Stereotyp vom dumpfen Nazi, das war mein Interesse für Geschichte. Das speiste sich aus verschiedenen Quellen. Sie kennen sicherlich diesen verräterischen Satz, die Geschichte werde "von den Siegern geschrieben". Das kam von meinem Vater und anderen Erwachsenen. Außerdem pflegte mein Vater mit Bezug auf seinen Geschichtslehrer aus der DDR-Zeit zu sagen, wer die geschichtliche "Wahrheit" herausfinden will, der müsse sich immer alle Quellen ansehen, um da überhaupt in die Nähe zu kommen.

Diese beiden Sätze im Verbund sind natürlich fatal in Bezug auf die NS-Zeit. Nicht die offizielle Geschichtsschreibung, die von den Alliierten geschrieben worden sei, sondern gerade die revisionistische, die neu betrachtende, verleugnende und eigentlich verfälschende wird plötzlich interessant.

Sie haben einfach logisch weitergedacht und dort angeknüpft...

Auf eine sehr verkürzte Weise, weil der Gedanke, alles in Frage zu stellen, ist ja eine Taktik, die sich Verschwörungserzählungen und Holocaustleugner gleichermaßen angedeihen lassen. Es klingt ja zunächst kritisch. Auch der pädagogische Zugang, der auf meinem humanistischen Gymnasium unterrichtet wurde, hat hier mitgespielt: Alles hinterfragen, vermeintlich kritisch denken, das machte für mich Sinn. So habe ich mich schon mit 14 intensiv mit Geschichtsrevisionismus beschäftigt.

Wenn man sich da ein klein wenig eingelesen hat, dann bekommt man das Gefühl, aha, ich bin einer der letzten Träger einer Wahrheit, die von ganz oben unterdrückt, ja sogar sanktioniert wird juristisch. Ich bin quasi Teil eines ja fast schon Geheimbundes, der ein bestimmtes Geheimwissen noch aufrecht erhält, das ja politisch verfolgt wird. Ich bin da auf der Ebene etwas ganz Besonderes – im Gegensatz zu allen anderen, die mich umgeben und die schon "umerzogen" sind, meine Geschichtslehrerin, die anderen Schüler, die das alles nicht wissen, weil sie eben schon im Mainstream oder der Lügenpresse verloren sind.

Mit 16 habe ich schon aktiv Konzerte in der Szene besucht. Es hat sich einfach ergeben, dass eine Klassenkameradin mit einem deutlich älteren Typen zusammenkam, der in der Naziszene aktiv war. Dieser passte überhaupt nicht in das Stereotyp, der hatte lange Haare, war sehr wortgewandt, hatte Bezüge zur Gothic- und Industrial-Szene. Das hat ihn noch faszinierender gemacht für mich, weil ich dachte, ach, Nazis sind ja gar nicht so, wie alle sagen. Er war geistreich, klug und witzig, er konnte mir Fragen beantworten, von denen andere gar keine Ahnung hatten.