Glauben Sie nicht, dass bei Ihnen ein sehr starker Resilienzmechanismus vorhanden war? Bei den meisten Menschen ist mit Mitte 20 die Persönlichkeitsbildung mehr oder weniger abgeschlossen. Sie aber haben sich danach über Jahre hinweg massiv selbst in Frage gestellt, dafür braucht es wohl ein sehr hohes Maß an Reflektionsfähigkeit, an Innovationswillen für sich selbst. Können Sie das so einfach auch von anderen Aussteigern erwarten, die eine ganz andere Persönlichkeit haben als Sie?

Das ist auf alle Fälle etwas Besonderes. Mein Ausstieg begann zaghaft mit 21. Ich würde nicht sagen, dass mein Weltbild da bereits ein geschlossenes war.

Es ist ja auch statistisch erwiesen, dass nach dem Alter Mitte-Ende-20 tiefgreifende Persönlichkeitsveränderungen unwahrscheinlicher werden und somit auch die ernstzunehmenden Aussteigerzahlen rapide abnehmen. Alles, was drüber ist, sind Leute, die sich eher zurückziehen aus den Szenen, die sich nicht mehr wirklich von ihrem Weltbild lösen. Die oft im Nationalkonservativen stehenblieben oder im Spießbürgerlichen ihr Dasein fristen.

Wirkliche Deradikalisierung ist etwas sehr, sehr Seltenes. Es radikalisieren sich viel mehr Leute, als sich deradikalisieren.

Es bringt nicht viel, die ganze Zeit mit den Nazis zu reden und sie mit Argumenten zu überschütten. In den allermeisten Fällen ist das sehr anstrengende, verschenkte Zeit. Das heißt aber auch, dass wir die Präventionsarbeit verstärken müssen.

Dass wir es schaffen müssen, in einer Gesellschaft zu leben, wo solche gesellschaftlichen Probleme wie die, die ich eingangs als Rahmenbedingungen meines Weges in die Szene beschrieben habe, abgebaut werden und die falschen Probleme, die national(popul)istische und rassistische Politiken antreiben, als das wahrgenommen werden, was sie sind: nämlich als Dummheiten, die unser Zusammenleben nicht verbessern, sondern die Verhältnisse nur weiter verschärfen. Bis jetzt ist es aber so, dass vor allem in bestimmten ländlichen Gegenden, in Ost wie West in Deutschland oder hier, von mir aus in Vorarlberg, Alltagsrassismus nicht negativ sanktioniert wird. Wo das ganz normal ist, über Muslime zu hetzen. Oder sich als weißer Europäer besonders toll zu finden.

Das ist ein wichtiger Punkt in meinem Buch: Ja, mein Weg mag ein besonderer sein, aber das heißt nicht, dass ich nicht über die Strukturen schreiben kann, die Narrative erklären kann, und nicht sage, welche Strukturen anders sein können, damit so etwas vielleicht nicht mehr passiert.

Man muss verstehen: Radikalisierung heißt Verwurzelung. Menschen werden "entwurzelt", wenn man sie deradikalisiert. Die fallen dann erst einmal in ein großes Loch.

Es ist daher nur allzu verständlich, dass viele sich Ausweich-Erzählungen zurechtlegen, die ihnen helfen, wieder Fuß zu fassen. Manche helfen dann Flüchtlingen und werden strenge Christen.

Da wird der eine "große Andere", der für die "Wahrheit" bürgt, nämlich der Führer, das Vaterland, das Volk, ausgetauscht, in dem Fall gegen Gott. Das ist sicherlich ein weniger schwieriger Prozess, als wenn man erst einmal durch eine sehr nihilistische Phase durch muss, wo man sagt, eigentlich sind all diese Dinge nichts wert. Auf diese Weise geht man, wie auch ich, durch veritable Depressionen.

Dann aber gibt es die Leute, und das wird mir ja auch vorgeworfen, die direkt umsteigen, und direkt beispielsweise in antifaschistische Kreise gehen.

Was wirft man Ihnen konkret vor?

Weil ich nach wie vor sage, dass ich nicht zufrieden bin, wie unsere Gesellschaft eingerichtet ist, bin ich sofort der Kommunist, keine Frage. Wenn ich auf Rassismus hinweise, beispielsweise vor CDU-lern, da bin ich eben gleich irgendwie der Linksextreme. Ganz egal, wo ich mich selbst verorte, das spielt dann keine Rolle. Für mich ist das aber in Ordnung. Man kann nichts gegen das machen, was einem die Leute umhängen. Okay, dann bin ich halt ein Linker. Immer noch besser als alles, was ich zuvor war.