Braucht es solche Charismatiker in der Szene, abseits von Stereotypen, die unkritische junge Leute beeindrucken, bei einem Einstieg in die Szene?

Ich würde sagen, das ist für jede Form für Politisierung wichtig. Bei allen politischen Gruppen, auch bei liberalen und demokratischen, sind solche Figuren zentral: Das ist eine außergewöhnliche Person, mit der möchte ich mich auseinandersetzen. Solche Personen sind für alle wie auch immer gearteten rassistischen und faschistischen Gruppen von höchster Wichtigkeit.

Sie sind dann nach und nach zu einem Führungskader der "Autonomen Nationalisten" avanciert. Welchen Platz nahm ihre Gruppe im Gefüge der verschiedenen rechtsextremen Gruppen ein, und welche Rolle spielte die sogenannte "Neue Rechte"?

Ich würde durchaus von einer bestimmten Vielfalt der Szene sprechen, die man aber nicht mit Pluralismus verwechseln darf. Ideologisch war man sehr bemüht, in den wichtigsten Fragen einig zu bleiben. Es gab alles, von den Goths- und Black-Metal-Fans über Leute, die zu Veranstaltungen der Gesellschaft für freie Publizistik und zum Institut für Staatspolitik (IfS des rechtsextremen "Vordenkers" Götz Kubitschek, Anm.) gegangen sind. Mit Kubitschek und dem IfS hatten auch die "Autonomen Nationalisten" zu tun.

Das heißt: Die Verbindungen zur sogenannten Neuen Rechten waren immer da, auch in meinen Kontexten. Da haben wir uns auch später dann bedient: Indem wir die Argumentationsweise von denen übernommen haben. Wir sind ja eigentlich keine Nazis, wir stehen dem historischen Nationalsozialismus kritisch gegenüber, wir sind eigentlich vor allem "Konservative", wir sind Sozialisten auf einer nationalen Ebene. Wir sind auch Ethnopluralisten und keine Rassisten – das sind alles Argumente, die wir damals schon aufgenommen hatten, die uns aber damals noch niemand außerhalb der rechtsextremen Szenen abgekauft hat: aus verschiedenen, sehr guten Gründen, wie ich heute finde. Das hat sich einfach heute gewandelt.

Warum?

Aufgrund der vielbesagten Verschiebung im politischen Diskurs. Vor allem Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" ist hier zentral zu nennen. Dieser Bestseller hat das Eindringen der sogenannten "Neuen Rechten in einen massenmedialen Diskurs massiv befördert. Menschen trauen sich heute, offen ihre rassistischen Vorstellungen schamlos auszusprechen, die sie früher vielleicht auch schon hatten, aber meist eher für sich behielten.

Meines Wissens nach ist es ja so, dass Sarrazin eine sehr ehrliche Haut ist. In seinem Manuskript stand noch an vielen Stellen das Wort "Rasse" drinnen. Sein Verlag hat aber dann gesagt, das können wir nicht machen. Dann wurde die typisch neurechte Label-Kosmetik aufgezogen, "Rasse" wurde durch "Ethnie" oder "Kultur" ersetzt. So haben sie den typischen Kulturrassismus, den Ethnopluralismus, in das Buch und mit ihm in eine sehr, sehr breite Debatte eingebracht. "Der kommt ja aus SPD, das kann ja gar kein Rassist sein", auch das hat sicherlich eine große Rolle gespielt.