Zum damaligen Zeitpunkt war ich schon im Rückzugsprozess, hatte aber noch Kontakt zu vielen Nazi-Kameraden. Und die haben alle vom Fleck weg dieses Buch als ganz große Erleuchtung gefeiert, als ganz großen Aufmarschpunkt, weil endlich die Themen, über die sie jahrelang gesprochen haben, ganz im Mainstream angekommen sind. Als Konsequenz sehe ich auch das, was seit 2014 auf Deutschlands Straßen passiert, Pegida und alles andere, und auch die Reaktionen auf die Migrationsbewegung von 2015. Es ist auch keineswegs neu, dass auch in der CDU/CSU rassistische Auffassungen vertreten werden. Leute wir Franz Josef Strauß gab es immer. Da gibt es gar keine große Angst vor Berührungspunkten mit rassistischem Gedankengut, aber das wurde immer von sich geschoben.

Die sogenannte "Neue Rechte" und ihre zentrale Figur Götz Kubitschek versucht intensiv, sich vom klassischen Neonazismus abzugrenzen. Sie sagen, das sei nur Fassade. Warum?

Das zeigt sich schon allein daran, dass der damalige Lektor von Kubitscheks Antaios-Verlag, Kurt G., damals selbst in der Nazi-Punk-Band "Fight Tonight" spielte, und er war andauernd bei uns zu Besuch, ist bei uns aufgetreten, war andauernd mit uns auf Demonstrationen. Kubitschek selbst war auf Bildungsveranstaltungen, die wir mitveranstaltet hatten, anwesend. Der hat auch dort schon gefischt, was dann später die Identitären geworden sind. Viele meiner ehemaligen Freunde, Mario Müller und Dorian Schubert zum Beispiel, die heute gute Freunde von Martin Sellner sind und die jetzt in dem Hausprojekt der Identitären in Halle wohnen, waren alle bei uns, bei den Autonomen Nationalisten, aktiv.

Was die Sellner-Brüder heute behaupten, ist Fassade, beide kommen eindeutig aus einem neonazistischen Background. Und sie scheinen sehr ähnliche Modernisierungsbestrebungen unternommen zu haben, wie wir sie damals auch betrieben haben – nur dass sie heute leider deutlich erfolgreicher sind, als wir damals.

Gab es damals schon Verbindungen zu Martin Sellners Kreisen?

Gar nicht. Der war ja damals auch noch in der Neonazi-Szene aktiv. Alles läuft ja immer darüber ab, in welchen Bezügen die jeweilige Person aktiv ist. Eine Person hier kennt eine Person dort, so kommen dann Kontakte und Kooperationen zustande. Er war ja nicht bei den "Autonomen Nationalisten", sondern eher in völkischen Gruppierungen. Wir selbst hatten eher Kontakt zu Neonazis aus Vorarlberg, zu Blood & Honour Gruppen, das waren die stärkeren Bezüge bei uns.

Auch die völkisch-rechtsextreme Szene modernisiert sich, erlebt aktuell eine neue Konjunktur, wohl auch durch den Rückgriff von prägenden Ideologen auf die sogenannte "konservative Revolution" der 20er und 30er Jahre. Sie kann erfolgreich an alternative Milieus anknüpfen. Aussteigen, Landsitze, eigene Scholle, das ist nicht mehr nur für völkische Sippen attraktiv. Auch andere rechtsextreme oder neonazistische Szenen öffnen sich dafür. Hatten auch Sie und Ihre Gruppe Bezüge und Kontakte zu völkischen Strukturen?

Als ich in Eisenach den ersten Kontakt zur Szene aufbaute, musste ich mich erst mal in der Szene orientieren. Was gibt es alles? Da traf ich auch Leute aus der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ, 2009 in D verboten, Anm.), die sehr völkisch orientiert war, angeknüpft hatte an die verbotene Wiking-Jugend. Die unterstützten auch die völkische Siedlerbewegung im Osten.