Es sind viele Sachen, die zu einer Frustration geführt haben. Ein anderer Punkt war, dass es damals zum guten Ton gehört hat, sich als Führungskader der "Autonomen Nationalisten" mit Antifa-Leuten im Netz auszutauschen – auch mit dem Versuch, eine Querfront-Strategie auszuloten. Von den Antifa-AktivistInnen ist das aber aufgrund unseres menschenverachtenden Weltbildes rundweg abgelehnt worden. Die meinten damals, alle gesellschaftlichen Probleme die es als Schnittmenge gäbe, werden von euch sofort auf bestimmte soziale Gruppen abgewälzt. Bei mir war es dann so, dass dieser Austausch, der auch über einen recht langen Zeitraum stattgefunden hat, sehr anstrengend war, ich denke, für beide Seiten. Zudem habe ich begonnen, die Leute auf der anderen Seite teilweise sympathisch zu finden. Das sorgte überhaupt erst dafür, dem Gegenüber wirklich zuzuhören und nach und nach anzuerkennen, dass komplexe gesellschaftliche Probleme auf Menschengruppen abwälzen zu wollen, schlicht dumm ist, also das Erzeugen von falschen Problemen.

Zu den Frustrationsmomenten kamen so nach und nach auch Zweifel, auch durch die Auseinandersetzungen mit anderen Kameraden.

Wichtig waren auch Erfahrungen und der Austausch mit Leuten, die ich an der Uni kennengelernt habe, die sich natürlich in ganz anderen Kontexten bewegten. Das hat mir ermöglicht, über die Dinge auch ganz anders nachzudenken. Umgekehrt hatte ich aber nur zu wenigen Leuten richtigen Kontakt, vom Gros der Kollegen wurde ich natürlich ausgeschlossen. Auch dadurch hatte ich viel Zeit, nachzudenken und zu lesen.

Das war erstmal nur der Grund für den Rückzug: Ich konzentrierte mich auf mein Studium, ich halte keine Reden mehr, organisiere auch keine Demos oder Konzerte mehr – für Leute, auf die ich eigentlich keinen Bock habe.

Und dann distanziert man sich auch auf einer intellektuellen Ebene. Nach und nach erkannte ich auch: Da gibt es ganz viele körperliche Dinge, Verhaltensweisen, die ich antrainiert habe, Männlichkeitsvorstellungen, oder wie ich mit anderen Leuten rede. Alles Dinge, die dann über einen langjährigen Prozess erst wieder angepasst, verändert, ja fast neu erlernt werden müssen. Man lernt quasi nicht nur neu sprechen und denken, auch fühlen und leben.

Sie kritisieren immer wieder Aussteiger-Bücher und versuchen, den kritischen Blick auf Aussteiger zu schärfen. Wo sehen Sie Probleme?

Viele dieser Bücher kommen reißerisch daher, zielen auf Absatz und arbeiten mit einem entsprechenden Grusel-Faktor. Viele fokussieren gänzlich auf die eigene Geschichte und liefern keine strukturellen Analysen. Der Grund ist nicht selten, dass diese Personen sich vor allem physisch zurückgezogen haben, aus den Strukturen ausgestiegen sind, ihre eigene Rolle und Ideologie aber nicht ausreichend reflektieren.

Ein wirklicher Ausstieg aber ist eine sehr, sehr schwierige, schmerzhafte und langwierige Sache. Das ist auch ein Punkt, warum ich viele Aussteiger-Bücher für fragwürdig halte: Dass Leute all dies in nur wenigen Monaten hinter sich gebracht haben wollen.

Glauben Sie nicht, dass bei Ihnen ein sehr starker Resilienzmechanismus vorhanden war? Bei den meisten Menschen ist mit Mitte 20 die Persönlichkeitsbildung mehr oder weniger abgeschlossen. Sie aber haben sich danach über Jahre hinweg massiv selbst in Frage gestellt, dafür braucht es wohl ein sehr hohes Maß an Reflektionsfähigkeit, an Innovationswillen für sich selbst. Können Sie das so einfach auch von anderen Aussteigern erwarten, die eine ganz andere Persönlichkeit haben als Sie?