Wien. Ein Demonstrant liegt mit dem Kopf unter einem Polizeiwagen, Beamte haben ihn auf dem Bauch liegend fixiert. Der Wagen fährt los, erst in letzter Sekunde schleifen die Polizisten den Mann seitlich weg. Ein anderer Demonstrant liegt ebenfalls fixiert auf dem Boden, ein Polizist drischt mit seinen Fäusten auf ihn ein.

Geschehen sind diese Szenen am 31. Mai bei einer Anti-Klimawandeldemonstration in Wien. Aktivisten hatten als zivilen Ungehorsam eine Straßenblockade organisiert. Zuerst tauchte ein Video der Polizeiaktion in sozialen Medien auf, dann ein weiteres. In den sozialen Medien kocht die Stimmung hoch, die Polizei reagiert zögerlich und vor allem widersprüchlich. Am Donnerstagabend gabe es in Wien eine Demonstration gegen Polizeigewalt.

Vorfälle wie diese sind keineswegs eine Seltenheit: Immer wieder ist vor allem die Wiener Polizei mit Vorwürfen zu Polizeigewalt konfrontiert, mit Rassismusvorwürfen oder mit jenen zu mutmaßlichem Missbrauch der Amtsgewalt. Nach außen hin macht die Polizei, allen voran ihre Obersten, dem Eindruck nach vor allem eines: mauern. Dabei hat sich bei dieser im Umgang mit Polizeigewalt in den vergangenen Jahren viel getan. Wieso fällt es ihr nach wie vor so schwer, eine Fehlerkultur zu entwickeln?

Hans Dieter Schindlauer hat viel Erfahrung mit der Kultur innerhalb der Polizei. Der Geschäftsführer des Antirassismus-Vereins Zara hält regelmäßigen Kontakt zur Polizeispitze, er sitzt mit hohen Beamten im 2008 eingerichteten Forum "Polizei macht Menschenrechte". "Man muss auch versuchen, alles aus der Sicht der Polizei zu sehen", sagt er. "Wenn sofort nach so einem Vorfall kommuniziert wird: ‚Es tut uns leid, hier ist ein Fehler passiert‘, was ja auch die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit ist, vor allem in den sozialen Medien, könnte dies als Vorverurteilung der betreffenden Polizisten dargestellt werden."

Im Hintergrund die Angst

Tatsächlich ermittelt die Staatsanwaltschaft seit Mittwoch in den beiden vorliegenden Fällen gegen vier involvierte Beamte - unter anderem wegen des Verdachts auf schwere Körperverletzung unter Ausnützung einer Amtsstellung.

Schindlauer teilt die Einschätzung, dass sich zumindest auf den Ebenen der einfachen Beamten in den vergangenen Jahren vieles zum Positiven verändert hat. Vor allem seit dem Folter-Skandal um den afrikanischstämmigen Asylwerber Bakary J., der 2006 von Wega-Polizisten in einer Lagerhalle aufs Schwerste gefoltert und misshandelt worden war, hat zu einem Umdenken vor allem in der Polizeiausbildung geführt. Der Kurzfilm "VOID" des Regisseurs Stefan Lukacs behandelt den Folter-Skandal und die inneren Dynamiken zwischen den involvierten Beamten, seit dem Vorfall wird er in der Polizeiausbildung herangezogen - unter Ex-FPÖ-Innenminister Herbert Kickl wurde dies übrigens eingestellt. Lukacs hat inzwischen mit "Cops" einen Nachfolge-Film vorgelegt, auch er widmet sich der Kultur innerhalb der Polizei. "Im Hintergrund steht die Angst, dass ein einmaliges, öffentliches Schuldeingeständnis eine Flanke aufmachen werde und die Polizei als Institution dadurch unter die Räder kommen könnte", sagt der Regisseur zum Problem der Fehlerkultur. Auch denke man an der Polizeispitze wohl, dass ein Eingeständnis eines Fehlers sich fatal auf die Stimmung unter den einfachen Beamten auswirken könnte. "Wirklich bemerkenswert ist aber die Kommunikationsstrategie der Polizei", sagt Lukacs. Diese sei nämlich schlicht so gut wie nicht vorhanden.