Die größte Skepsis, und das ist höflich formuliert, kam auf grüner Seite damals von der Wiener Landesgruppe. Daher ist es eben auch bundespolitisch nicht unerheblich, welche Kandidatinnen und Kandidaten am Samstag auf die vorderen Listenplätze gewählt werden.

Das Jahr 2002 könnte sich nämlich insofern wiederholen, als sich zum zweiten Mal auf Bundesebene eine grüne Regierungsbeteiligung ausgehen könnte. Umfragen sehen die ÖVP rund um 38, die Grünen bei 12 Prozent. Eine Chance besteht also, und sie ist wohl höher einzustufen als Türkis-Pink, da es sich in Sachen Reformagenda und Wirtschaftspolitik bei ÖVP und Neos um kommunizierende Gefäße handelt hinsichtlich der Wählerschaft. Die Grünen indessen könnten auch von der gegenwärtigen Schwäche der SPÖ profitieren. Vor zwei Jahren war es bekanntlich noch genau andersrum.

Aber was tun, wenn es wirklich passiert? Dass beide Parteien große Lust aufeinander hätten, ist wohl nicht zu behaupten. Andererseits hat sich seit 2002 doch einiges verändert. Die Undenkbarkeit einer solchen Koalition ist angesichts bestehender Zusammenarbeiten in Vorarlberg, Tirol und Salzburg sowie einer jahrelangen Koalition in Oberösterreich als Argument nicht sehr schlüssig. Auch wenn natürlich Bund und Land zwei verschiedene Paar Schuhe sind.

Klimawandel ist das
Thema der Stunde

Ein weiterer Punkt: Das Thema Klimawandel ist weitaus drängender geworden, es ist von zentraler, global gesehen sogar von elementarer Bedeutung, der sich keine Partei in diesem Wahlkampf verschließen kann. Sogar Norbert Hofer hat angekündigt, dass die blaue Politik grüner werden müsse.

Vor 17 Jahren hat es zwar kein Video aus Ibiza gegeben, sondern Knittelfeld. Die FPÖ verlor aufgrund dieser internen Querelen stark und gab es in den Verhandlungen mit der ÖVP dann recht billig - was nur wenig später zur Spaltung der Freiheitlichen geführt hat. Und diese Erfahrung wirkt natürlich bei der FPÖ nach. Was auch zu bedenken ist: Während sich 2002 die Aufregung der (medialen) Öffentlichkeit nach zwei Jahren Schwarz-Blau einigermaßen gelegt hatte, ist sie nach Ibiza erst so richtig aufgekommen. Auch konservative Medien sehen heute keine Chance für eine erneute Koalition der ÖVP mit "dieser FPÖ".

Inhaltlich wird es auf Bundesebene schwer

Sollte es sich also rechnerisch ausgehen, könnte der Druck auf Grüne wie auch auf die ÖVP groß sein, jedenfalls viel größer als vor 17 Jahren, es doch miteinander zu versuchen. Für Kurz wird es schwer, zu argumentieren, warum noch mal Blau die bessere Option als Grün ist, wo die ÖVP doch in einigen Ländern mit der Ökopartei koaliert. Und die Grünen werden sich schwertun, zu begründen, warum sie die Oppositionsrolle vorziehen, wenn sie auch die Chance haben, mit der ÖVP die Ökowende zu organisieren. Freilich: Kann die Volkspartei einer Klimapolitik zustimmen, wie sie Grün verlangt? Kann der Bauernbund eine Agrarpolitik akzeptieren, wie sie die Grünen fordern? Und können die Grünen eine Steuer-, Sozial und Arbeitsmarktpolitik vertragen, wie sie Sebastian Kurz vorschwebt?