Wien. Zwei erfahrene Bildungsforscher des Instituts für Höhere Studien (IHS), Lorenz Lassnigg und Mario Steiner, haben sich am Donnerstag mit Kritik an Österreichs Bildungspolitik zu Wort gemeldet. Die Schlussfolgerung: Österreichs Schulsystem ist selektiv und fordernd, aber nicht fördernd.

Bildungsforscher Lassnigg geht vor allem mit der ÖVP-FPÖ-Regierung hart ins Gericht: Mit der Einführung von Deutschklassen, dem Ausbau der Ziffernnoten oder der beabsichtigten Stärkung der Sonderschulen habe man "die Selektion in den Vordergrund gerückt". Anders als früher habe man nicht Kompromisse gesucht, sondern sei drübergefahren.

"Aus internationalen Bildungsreformen weiß man: Eine erfolgreiche Politik ist auf Kooperation aufgebaut", betonte Lassnigg. "In den pädagogischen Methoden gibt es keine Wahrheit - es gibt eine Vielfalt an Methoden, die man anwenden kann." Man müsse aber auf eine Diskussionsbasis kommen, um sich auf eine gemeinsame Vorgehensweise zu einigen. "Und da liegt in Österreich der Hund begraben."

Diese Art der Politik, die stark auf Testungen aufbaue und diese mit traditionellen Methoden verbinde, sei in den 1980er Jahren unter Ronald Reagan beziehungsweise Margaret Thatcher begonnen worden und habe sich international dann durchgesetzt, so Lassnigg. In Österreich sei man lange nicht auf diesen Zug aufgesprungen, weil man aus der internationalen Forschung weiß, dass das gescheitert sei.

Wesentlich mehr Abbrecher als in offiziellen Zahlen

Die Quote der Bildungsabbrecher ist in Österreich wesentlich größer als in offiziellen EU-Zahlen ausgewiesen - statt bei rund sieben liegt sie bei knapp 13 Prozent, heißt es in einem "Policy Brief" des IHS. Je nach politischem Bezirk sind fünf (Zwettl) bis 25 Prozent (Wien-Favoriten) der Jugendlichen betroffen.

Laut EU-Ziel soll die Zahl der frühen Bildungsabbrecher (18- bis 24-Jährige, die sich nicht mehr in Ausbildung befinden und höchstens einen Pflichtschulabschluss haben) zehn Prozent nicht überschreiten. In Österreich liegt diese Zahl derzeit offiziell bei 7,4 Prozent. Die Zahlen seien nicht falsch, beruhten aber auf dem Mikrozensus, für den ein Prozent der Österreicher befragt wird. "Wir haben aber schon Verwaltungsdaten des bildungsbezogenen Erwerbskarrierenmonitorings, in denen 100 Prozent erfasst sind", erklärte Bildungsforscher Mario Steiner.

Wenig überraschend sind im Ausland geborene Personen stärker vom Bildungsabbruch betroffen als in Österreich geborene. Bei Migranten schneiden städtische Bezirke besser ab. Am geringsten ist für Migranten die Gefahr des Bildungsabbruchs in zehn Wiener Bezirken sowie in Graz und Klagenfurt. Am höchsten in Urfahr-Umgebung und Baden mit über 60 Prozent. (apa)