Wien. Sibylle Hamann wechselt die Seiten: Sie kehrt ihrer Karriere als Journalistin den Rücken und wendet sich dafür nun der Politik zu. Bei den Nationalratswahlen im September will die bekennende Feministin für die Grünen als Listendritte ins Rennen gehen und vor allem Frauenrechte "mit Zähnen und Klauen verteidigen". Vorerst ist jedoch noch unklar, ob sie den gewünschten Platz überhaupt erhält, denn darüber entscheiden die Grünen am Samstag beim Bundeskongress. Ihre freiberufliche Tätigkeit für die Tageszeitung "Die Presse" und die Wochenzeitung "Falter" wolle Hamann damit beenden. Sie ist aber nicht die erste, die den Sprung aus der Redaktion in die Politik wagt.

Den Beginn machte Helmut Zilk. Er ist laut Politikberater Thomas Hofer der Journalist, der es in der Politik bis dato am weitesten gebracht hat. Zilk war Fernsehdirektor und moderierte unter anderem die Sendung "Stadtgespräche" im Österreichischen Rundfunk (ORF). 1979 wechselte er in die Wiener SPÖ als Kulturstadtrat. 1983 wurde er für etwa ein Jahr Unterrichtsminister und besetzte schließlich ab 1984 für zehn Jahre das Amt des Wiener Bürgermeisters. Ebenfalls in die SPÖ wechselte der ZiB-Moderator Josef Broukal, jedoch mit weniger Erfolg. Er kandidierte 2002 für die Nationalratswahlen und war bis 2008 als Abgeordneter im Parlament tätig.

Vertraute Gesichter sollen Wählerstimmen sichern

Der ehemalige ORF-Korrespondent und ZiB-Moderator Eugen Freund beendete 2013 seine Journalistenkarriere, um in die Politik zu gehen. Im Jänner 2014 wurde er zum Spitzenkandidaten der SPÖ bei der EU-Wahl, woraufhin er ins Europäische Parlament einzog.

In der ÖVP begann hingegen Ursula Schweiger-Stenzel (ehemals Stenzel) eine durchaus stabile Politikerkarriere. 1996 zog die ehemalige ZiB-Moderatorin für die Volkspartei ins Europäische Parlament ein, wo sie bis 2005 ÖVP-Delegationsleiterin war. Im selben Jahr wurde sie bei der Wiener Gemeinderatswahl zur Bezirksvorsteherin des Ersten Bezirks gewählt. 2015 kandidierte sie dann bei den Landtags- und Gemeinderatswahlen in Wien als unabhängige Kandidatin auf der Liste der FPÖ. Seitdem kümmert sie sich als Stadträtin unter anderem um Stadtentwicklung und internationale Angelegenheiten.

Gründe für Parteien, sich Journalisten ins Boot zu holen, gibt es laut Hofer einige. "Auf der einen Seite sind es durchaus Medienprofis, andererseits besitzen sie aber in der Bevölkerung oft einen hohen Bekanntheitsgrad", sagt Hofer. Dies sei ein Mitgrund, weshalb vor allem Journalisten aus dem ORF von den Parteien umworben werden, da diese besonders sichtbar in den Medien und den Wählern vertraut sind. Die Parteien erhoffen sich dadurch bestimmte Zielgruppen anzusprechen. "Auch Sibylle Hamann bringt diese Bekanntheit mit sich. Immerhin hat sie immer wieder Gastauftritte im TV, und schreibt auch Kolumnen, wo ihr Foto zu sehen ist", so Hofer weiter.

Parteistrukturen als Hürde für Quereinsteiger

Aber auch Journalisten erhoffen sich einiges vom Wechsel in die Politik. "Journalisten haben ein inhaltliches Sendungsbewusstsein, dass sie dadurch zum Ausdruck bringen möchten. Einige Journalisten sehen es aber auch als Sprungbrett, wenn ihre journalistische Karriere dem Ende zugeht", erklärt Hofer.

Ganz nach oben schaffen es jedoch die wenigsten. "Zilk und Stenzel waren und sind da schon die Ausnahmen." Die meisten werden laut Hofer von der Politik erschlagen, da sich die Journalisten unter dieser Arbeit etwas anderes vorstellen. Ein Problem seien vor allem interne Parteistrukturen, denn oft sehen Parteimitglieder die Quereinsteiger als Konkurrenz, weshalb sich die Journalisten erst ihren Platz in der Partei suchen müssen.

Im Fall von Sibylle Hamann sei das jedoch anders. "Die Grünen sind dabei, sich komplett neu aufzustellen. Vorgefertigte Strukturen sind deshalb kaum vorhanden. Es ist durchaus ein kluger Zug, sich Quereinsteiger zu holen und die Partei nicht nur mit Parlamentariern zu besetzen", erklärt Hofer. Bevor Hamann ihre Politikkarriere starten kann, muss sie aber erst die Hürde am Samstag beim Grünen Bundeskongress nehmen.