Wien. Der Weg von der Soziologie des Außerirdischen über das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine hin zu jenem unter Menschen ist im Gespräch mit Soziologin Michaela Pfadenhauer nicht weit. Schließlich wirft das Außerirdische nicht nur Fragen auf, die Beschäftigung damit liefert auch Antworten für unser menschliches Miteinander.

"Wiener Zeitung": Weil ich die Frage gleich ausräumen möchte: Glauben Sie an Außerirdische?

Michaela Pfadenhauer: Soziologisch betrachtet hat Glaube mit Transzendenz zu tun: Ich glaube an etwas, das über mich und meine Erfahrungen hinausweist. Die Frage nach Außerirdischen ist im Vergleich dazu wissenschaftlicher begründet. Je mehr man begreift, wie riesig das Universum ist, stellt sich die Frage: Kann es sein, dass es da nicht nur uns gibt? Und was kann das sein? Ist es etwas Kleines, Größeres, Gefährliches, Schönes? Ich glaube also nicht an Gott oder an Außerirdische, aber an die existenzielle Suche nach diesem Abstraktum. Also ein Ja zur Möglichkeit, dass es etwas gibt, das über uns hinaus weist.

Wir haben Kinder zwischen 5 und 13 Jahren gebeten, uns ihre Vorstellungen vom Weltraum und möglichem Leben darin zu zeichnen. Darunter Lara, 10, die Hunde liebt und Polizistin

werden möchte.
Wir haben Kinder zwischen 5 und 13 Jahren gebeten, uns ihre Vorstellungen vom Weltraum und möglichem Leben darin zu zeichnen. Darunter Lara, 10, die Hunde liebt und Polizistin
werden möchte.

Wie stellt man sich aktuell den Außerirdischen vor?

Da gibt es natürlich viele Varianten, aber eine Dimension des Menschen im Extrem. Also zum Beispiel das Riesenwesen, das aber auch auf zwei Beinen geht. Oder aus dem Individuum Mensch, das in einer Gruppe lebt, wird ein Schwarmwesen. Eigentlich ist jede dieser Varianten extrem spannend, weil sie Eigenschaften des Menschen übertreibt und durchspielt, was dann wäre.

In Filmen ist häufig von bösen, Menschen unterjochenden Außerirdischen die Rede. Warum?

Hier wird die Auseinandersetzung zwischen uns und den Anderen thematisiert. Wir befinden uns in einem Kosmos, der Ordnung bedeutet. In den meisten Ursprungsmythologien gibt es ein gottähnliches Wesen, das diesen Kosmos geschaffen hat. In archaischen Vorstellungen scheint es wichtig, alles genauso wie im Urzustand zu erhalten. Wir sind das Normale, das Geordnete und da draußen ist die Unordnung, dieses Meer von Chaos, das Unverständliche - mit dem wir nichts zu tun haben wollen.

So ähnlich wie Rassismus die Welt konstruiert.

Der deutsche Soziologe Michael Schetsche, der sich unter anderem mit Außerirdischen beschäftigt, spricht von Unterschieden in der Fremdheit: sozialer, kultureller, maximaler und der Fremdheit schlechthin, also etwas, was überhaupt nicht mehr verstehbar oder zugänglich ist. Außerirdische stehen in dieser Typologie übrigens an dritter Stelle, der maximalen Fremdheit - also relativ anders, aber nicht unvorstellbar.

Ist der böse Außerirdische auch eine Art Ordnungsruf? Verhaltet euch wohl, sonst machen uns die Außerirdischen den Garaus?

Sicherlich, nach dem Motto: Wenn ihr euch nicht korrekt benehmt, dann droht euch eine Bestrafung, ähnlich wie in Religionen. Die negative Welt der Außerirdischen kann uns aber auch zeigen: So schlimm ist es hier ja gar nicht.

In den meisten Fällen aber geht es eher um das Spiel, was wäre wenn. Besser oder schlechter ist bei jenen, die sich mit dem Außerirdischen oder Science Fiction beschäftigen, auch nur eine Dimension. Es ist der Versuch, Variationen durchzuspielen: Wie wäre zum Beispiel eine Welt mit Wesen ohne Empathie? Der Reiz dabei liegt in der Rückübertragung auf den Menschen. Das Gedankenspiel wäre völlig uninteressant, wenn es nicht uns oder unsere Welt als Referenzpunkt gäbe.

Müssen es überhaupt Lebewesen sein? Oder können Außerirdische auch Maschinen sein?

Mit dieser Frage hat sich der Soziologe Clemens Albrecht beschäftigt. Der spannende Moment in der Debatte rund um künstliche Intelligenz ist der, zu dem Maschinen lernfähig werden - und das, was sie dann machen, unvorhersehbar, nicht mehr programmierbar oder einfangbar ist - und wir dem ausgeliefert sind.

Das macht uns Angst, ist aber gar nicht so außerirdisch, sondern fast schon Realität. Wie können wir damit umgehen?

Wir versuchen, ethische Prinzipien aufzustellen, damit wir Menschen nicht zugunsten der Maschine Autonomie verlieren. Allerdings zeigt sich, dass das sehr komplex ist. Technikentwickler verstehen zum Beispiel etwas anderes unter Autonomie von Maschinen - und zwar nicht im Sinne von Handlungsfreiheit. Außerdem stellt sich die Frage: Nützen solche Prinzipien, wenn offenbleibt, wer sich an sie hält?

Es kann ja sein, dass sich Menschen daran halten. Aber auch selbstlernende Roboter?

Genau darum geht es: Wenn er wirklich selbst lernen würde, sozusagen Kultur hätte, und auch noch mit anderen vernetzt wäre, könnte er sein Wissen an andere Maschinen weitergeben. Bei Lebewesen mit Kultur heißt Weitergabe auch, dass nicht jede Erfahrung selbst gemacht werden muss. Das haben teilweise auch Tiere, Raben etwa profitieren von den Erfahrungen der vorhergehenden Generation.

Was zum Beispiel?

Da bin ich keine Expertin, aber Raben sind offenbar auf das Leben in Städten spezialisiert und geben weiter, welche Strecken die Müllabfuhr fährt, weil das ihre Nahrungskette ist.

Warum konstruieren wir Menschen Außerirdische?

Was bedeutet das auf künstliche Intelligenz übertragen?

Dadurch, dass sie miteinander verbunden sind, wären sie Menschen gegenüber unvorhersehbar im Vorteil, etwa als Armee, aber nicht nur. Weil wir Menschen uns als Teil eines Netzes vorstellen, könnten wir in unseren Freiheiten möglicherweise beschnitten werden. Ein spekulatives Beispiel: Wenn unsere Körpertemperatur dem intelligenten System etwa zu hoch erscheint, und die künstliche Intelligenz, wie zum Beispiel eine mit Sensor ausgestattete smarte Tür, uns daran hindert, uns an einen Ort zu bewegen, damit wir ihn nicht erhitzen. Das würde heißen, nicht wir grenzen uns aktiv für die Technik ein, sondern die Technik hat die Möglichkeit uns einzugrenzen - ohne, dass wir das noch beeinflussen können.