Sind Wahlen, ist demokratische Politik womöglich nur eine Fiktion, eine gewollte Einbildung?

Noll: Sagen wir es anders: Wer ins Theater geht, würde nie auf den Gedanken kommen, dass der Schauspieler in einem Shakespeare-Drama tatsächlich der König ist und dessen Macht besitzt. Er verkörpert sie nur, hat sie aber nicht. Diese Darstellung von Macht ist für mich ein unerlässliches Element von Demokratie. Wenn Leute nicht das Gefühl haben, dass sie von der Politik repräsentiert werden, ist es sinnlos von Demokratie auch nur zu sprechen. Aber man darf die Fassade nicht mit dem verwechseln, was die Mauern und das Fundament des Ganzen darstellen.

Griss: Mir kommt hier ein zentraler Aspekt von Wahlen zu kurz: die Möglichkeit der Bürger, die Politiker an der Spitze abzuwählen. Ich halte die Abwahl einer Partei, eines Politikers für das wesentlich wichtigere Instrument als die Wahl. Für die handelnden Akteure ist die Abwahl ein Damoklesschwert, das ständig über ihnen schwebt und dem sie auch nicht entkommen können.

"Ich halte die Abwahl einer Partei, eines Politikers für das wesentlich wichtigere Instrument als die Wahl."

Irmgard Griss

Was ist das Fundament unserer Demokratie? Der Satz zu Beginn des Bundes-Verfassungsgesetzes: "Österreich ist eine demokratische Republik, ihr Recht geht vom Volk aus"?

Noll: Nein, das ist der Bauplan unserer Demokratie. Das Fundament ist die Summe der gesellschaftlichen Verhältnisse mit all ihren teils schwer durchschaubaren realen Facetten: Die ökonomischen Produktionsverhältnisse, die Traditionen und Gewohnheiten, mit denen wir leben, lieben und hassen. Diese Realverhältnisse sind das Fundament und die Mauern für unser Zusammenleben. Ein Statiker wird deshalb nie nur auf die Fassade eines Gebäudes achten, weil er so nichts über die Stabilität erfährt, dafür muss er unter die Oberfläche schauen.

Das ist banal.

Noll: Mag sein, aber unsere Unmittelbarkeitsverhaftetheit, vor allem jene der Journalisten und Medien, führt dazu, dass wir jedes Ding immer nur nach seinem Anschein bewerten. Und wenn uns dieser Anschein gefällt, dann hält er uns in aller Regel davon ab, tiefer zu bohren und genau zu schauen, was dahintersteckt. Diese Spektakelhaftigket unserer Gesellschaft ist das Grundproblem aller Vermittlung von Inhalten. Wir alle nehmen die Verhältnisse mit unseren Augen, Nasen und Ohren sinnlich wahr; um zu verstehen, benötigen wir aber unser Gehirn. Deshalb ist Bildung, Bildung, Bildung so unerlässlich. Denn wenn es nicht gelingt, neben dem bloßen Anschein auch die funktionalen Zusammenhänge zu erkennen, dann ist Schluss mit unserer Demokratie.

Keine zwei Jahre war Alfred Noll Abgeordneter zum Nationalrat auf einem Mandat der Liste von Peter Pilz, und trotzdem stach der 59-jährige Salzburger aus der Masse heraus. Der Anwalt ist als Homo politicus stets auf der Suche nach dem Grundsätzlichen. Das lebt er auch in zahlreichen Publikationen zur Verfassung und über Denker wie John Locke, Thomas Hobbes und jüngst erst Montesquieu aus. - © Tatjana Sternisa
Keine zwei Jahre war Alfred Noll Abgeordneter zum Nationalrat auf einem Mandat der Liste von Peter Pilz, und trotzdem stach der 59-jährige Salzburger aus der Masse heraus. Der Anwalt ist als Homo politicus stets auf der Suche nach dem Grundsätzlichen. Das lebt er auch in zahlreichen Publikationen zur Verfassung und über Denker wie John Locke, Thomas Hobbes und jüngst erst Montesquieu aus. - © Tatjana Sternisa

Macht Bildung uns wirklich zu besseren Menschen?

Griss: Es geht nicht um besser oder schlechter, sondern darum, ob ich eine in der Sache informierte Entscheidung treffen kann oder ob ich mein Wahlverhalten nur nach Äußerlichkeiten richte. Was Bildung bewirken kann und muss, ist die Fähigkeit zur kritischen Vernunft, zum Blick hinter die Fassade. Nur um dieses Wissen geht es.