Aber beruht unsere Demokratie nicht auf der Hypothese, dass auch ungebildete Wähler aus ihrer Lebenserfahrung schöpfend in der Summe der vielen Einzelstimmen zu "richtigen" Entscheidungen kommen? Andernfalls landet man schnell bei der Debatte, ob die Stimme gut informierter Bürger nicht mehr wert sein sollte als die schlecht informierter.

Griss: Nein, überhaupt nicht. Mir geht es nicht um formale Bildung, die darf hier keine Rolle spielen. Bildung heißt Menschenbildung.

Noll: Ihre Frage ist berechtigt, aber sie setzt die Pole falsch. Die Forderung nach mehr Bildung bedeutet nicht, dass, indem man sich Wissen aneignet, allein dadurch schon ein besserer Mensch wird. Um es etwas unfein auszudrücken: Die gescheitesten Leute sind oft die größten A. . . Nimmt man Bildung aber als Humanum, als ein Ermöglichen all dessen, was ein Mensch kann, dann führt Bildung tatsächlich zu einem besseren Menschen. Wir müssen aber mit einem Missverständnis aufräumen, was demokratische Entscheidungen angeht: Demokratie hat, hier bin ich ganz bei Hans Kelsen, nur den Vorteil, dass möglichst viele wenigstens in einer Sache einer Meinung sind und nur eine Minderheit enttäuscht ist. Diese Minderheit kann aber zugleich die Hoffnung haben, dass sich das in Zukunft ändert. Demokratie bedeutet eben nicht, dass am Ende richtige Entscheidungen herauskommen.

Griss: Ja, was sollte auch der Maßstab sein, nach dem man beurteilen könnte, was richtig oder falsch ist?

Noll: Demokratie heißt, dass am Ende Recht herauskommt, und Recht war noch nie "richtig", es gibt uns nur den Maßstab vor, was zu einer bestimmten Zeit von der Mehrheit als Recht angesehen wird.

Sie sind beide arg enttäuscht über den gelebten Parlamentarismus. Was spricht dagegen, den Nationalrat einfach nur als Bühne zu betrachten, auf der Parteien und Politiker ihre Positionen präsentieren und die Abgrenzung zum Mitbewerber suchen, statt als Zentralort, an dem politische Entscheidungen getroffen werden?

Griss: Das wäre natürlich möglich, aber wem würde das nützen? Dann schicken die Parteien ihre Redner nach vorne und präsentieren sich, aber was ist dann der Sinn der ganzen Veranstaltung? Für wen spielen die Abgeordneten? Für mich muss der Anspruch des Parlaments größer sein, die Menschen erwarten sich ein Ringen um die bestmögliche Lösung, um den besten Kompromiss. Es gibt unterschiedliche Interessen in einer Gesellschaft; wir haben Parteien, die diese unterschiedlichen Interessen vertreten; und der Sinn des Parlaments sollte es sein, dass hier die Interessen mit Argumenten gegeneinander abgewogen werden und sich dann ein Kompromiss findet. Das ist das Wesen der Demokratie.

Es ist auf jeden Fall der Wunsch der Minderheitsfraktionen, aber nicht notwendigerweise jener der Regierungsfraktionen.

Griss: Aber es wäre doch im Interesse der Gesellschaft, dass alle Interessen berücksichtigt werden.

Der politische Stern von Irmgard Griss ging 2016 auf, als die ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofs in der ersten Runde der Bundespräsidentenwahl als Unabhängige mit 19 Prozent nur knapp den Einzug in die Stichwahl verfehlte. Bei den Wahlen 2017 kandidierte die 72-jährige Steirerin in einem Wahlbündnis mit Neos auf dem zweiten Listenplatz der Liberalen. - © Tatjana Sternisa
Der politische Stern von Irmgard Griss ging 2016 auf, als die ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofs in der ersten Runde der Bundespräsidentenwahl als Unabhängige mit 19 Prozent nur knapp den Einzug in die Stichwahl verfehlte. Bei den Wahlen 2017 kandidierte die 72-jährige Steirerin in einem Wahlbündnis mit Neos auf dem zweiten Listenplatz der Liberalen. - © Tatjana Sternisa