Griss: Und wo, bitte, ist denn bisher politische Verantwortung wahrgenommen worden?

Sie haben es selbst zu Beginn gesagt: Die Bürger haben die Möglichkeit, die Regierenden abzuwählen. Jetzt können sie niemanden abwählen, weil niemand die Verantwortung trägt.

Noll: Ich schätze die provokative Intervention des Interviewers, nur: Auch die Fata Morgana ist klar. Jedes klare Bild ist immer eine Schimäre. Die Personen, die in einer Demokratie Verantwortung tragen, sind immer wir alle. Und wer das nicht will, verabschiedet sich von der Demokratie. Jede Reduktion von Komplexität, etwa indem ich inhaltliche Probleme personalisiere, all das ist immer anti-demokratisch.

Welche Rolle spielen die Medien für den Zustand der Politik?

Griss: Ich sehe Entwicklungen in die richtige Richtung, vor allem, dass stärker über Fakten berichtet wird, Behauptungen vermehrt einem Gegencheck unterzogen werden. Oft spiegelt aber die Berichterstattung nicht die wirkliche Bedeutung wider, wir erleben ein Hinauf- und auch ein Hinunterschreiben von Personen ohne sachliche Rechtfertigung.

Zum Beispiel?

Griss: Ich finde etwa, dass Peter Pilz eine Medienpräsenz hat, die seiner Bedeutung im Parlament nicht entspricht. Im BVT-U-Ausschuss haben andere Abgeordnete viel mehr aufgedeckt und gearbeitet.

Noll: Ich bin nicht so höflich wie Frau Griss. Ich halte unsere Medien für Blödmaschinen, sie verunmöglichen Bildung, weil sie Informationen auseinanderreißen und vorrangig an Personalisierung und Skandalisierung interessiert sind. Das Beispiel von Peter Pilz ist treffend: Er ist ja deshalb eine politische Figur, weil er stets einen semantischen Überschuss liefert, der die Erregungsamplitude der Medien erhöht - und genau darauf springen alle Journalisten an.

Ihr Lösungsvorschlag?

Noll: Ich sehe keinen. Die Medien sind darauf angewiesen, ihre Produkte an die Inseratenwirtschaft zu verkaufen, und wenn sie das nicht schaffen, gehen sie ein. Deshalb versuchen alle, ihr Publikum zu unterfordern. Inhalte zu vermitteln ist kompliziert und personalintensiv, das ist das mediale Grundübel.