"Die Klimakrise trifft die ökonomisch und gesundheitlich benachteiligten Gruppen", sagt Hutter. Es sei ein Unterschied, ob man in einem klimatisierten Büro darüber streite, ob es 24 oder 25 Grad habe, oder man in einer Druckerei mit schlechter Belüftung arbeite und Maschine und Arbeit körperliche Hitze produzieren. Ältere und Säuglinge seien insgesamt höher gefährdet. Ebenso Menschen, die beispielsweise Infektionskrankheiten haben. "Es trifft dich mehr, wenn du ohnehin gesundheitlich vorbelastet bist." Die Hitzewelle ist auch für jene gefährlicher, die in schlechten Wohnverhältnissen leben. "Wenn man in Hitzeinseln in ungedämmten, überhitzten Gebäuden wohnt und man noch dazu viel Verkehr vor der Haustüre hat, dann ist man klar benachteiligt gegenüber jenen, die am grünen Stadtrand abends die merklich kühleren Temperaturen am Balkon genießen", sagt Hutter. Zwischen Stadt und Umland gebe es in Österreich laut dem Umweltmediziner einen Temperaturunterschied von etwa elf Grad. Wie gesundheitliche Versorgung am Land gerade für ältere Menschen nicht zwingend besser sein muss. Es fehlen Landärzte und Enkel und Nichten zieht es eher in die Städte.

Oft reicht schon das Anklopfen beim Nachbarn

Der soziale Status spiele in der Klimakrise laut Hutter eine sehr bedeutende Rolle, weil dieser häufig mit sozialer Isolation einhergehe. Manche würden es mental nicht schaffen, rauszugehen. Andere, vor allem ältere Menschen, seien vielleicht nicht mobil genug, um bei tagelangen Hitzeperioden und nach Tropennächten wie im Juni dieses Jahres in Wien etwa das Cooling Center des Roten Kreuzes in der Wiener Shopping City Nord zu erreichen, in dem sich Passanten abkühlen und ausruhen können, oder um ins nächste Schwimmbad zu gehen. Die Lösung könne nur "ein Netz aus kleinen Räumen" sein, sagt Hutter. Er schlägt vor, etwa die kühlen Kellerräume von Wohngebäuden zu adaptieren. "Sonst ist es nicht möglich", sagt er. "Ins Auto sollen sich die Leute bei der Hitze nicht setzen müssen."

Als Folge der Tragödie von 2003 gibt es in Frankreich einen Notfallplan und Frühwarnsysteme. Für ältere und behinderte Menschen gibt es ein Register, in das sie sich eintragen können, um versorgt zu werden. Öffentliche Gebäude sind klimatisiert, die Parks bleiben über Nacht geöffnet. In größeren Städten gelten laut "Schweizer Rundfunk" Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge. Außerdem hat Frankreich seither stärker ein Auge auf Obdachlose und versorgt sie mit Wasser.

Für Hutter kommen durch die Klimakrise zahlreiche Aufgaben auf das Gesundheitssystem zu. Diese reichen von der abgestimmten Urlaubsplanung von Hausärzten, der psychischen Betreuung von traumatisierten Personen nach Umweltkatastrophen bis zur ärztlichen Einstellung und Adaptierung von Medikamenten.

Eines hebt der Umweltmediziner Hutter aus den Lehren Frankreichs aber am stärksten hervor: die Nachbarschaftshilfe. Oft sei mit Anklopfen bei der Türe nebenan, die Jalousie herunterzulassen, einem Glas Wasser und der Frage "Wie geht es Ihnen?" schon mehr getan, als man glaubt.